STORYS

Der letzte Sommer 

Der letzte Sommer (Bild: pixabay)

Passend zur Sommerhitze habe ich einen kleinen Sommerkrimi für dich. Es ist mein erster Krimi, der während meines Studiums entstanden ist.
Viel Spaß 😉


Der letzte Sommer

Es ist verdammt heiß an diesem Tag. Archibald Cooper kehrt gerade aus der Mittagspause zurück, als ihm die Kollegin Harriet Piper entgegen kommt. Unauffällig rückt er seine Hose zurecht und prüft ob sein Hemd richtig sitzt, ehe sie ihn erreicht und mit dem üblichen Lächeln begrüßt.
„Machst du Pause?“
„Nein, ich komme gerade zurück. Gehst du jetzt?“
„Ja, ich bin praktisch auf dem Sprung in die Kantine.“
Enttäuschtes Schweigen macht sich zwischen den beiden breit, ehe Harriet sich zu erinnern scheint, was sie eigentlich von ihm wollte.
„Thomas ist wieder im Krankenhaus. Niemand weiß wie lange er dieses Mal drin bleiben muss.“
„Scheiße.“
Harriet reicht ihm eine braune Aktenmappe, die er entgegen nimmt und aufklappt. Mit gerunzelter Stirn überfliegt er den Inhalt.
„Thomas Fall?“
„Ja, er war an zwei Fällen dran. Den anderen hat Richard bekommen. In diesem hier geht es um den Mord an Steven Williams. Zwanzig, war mit zwei Freunden campen. In seinem Blut ist eine  große Menge Kaliumcyanid gefunden worden, das Fläschchen dazu haben sie in der Nähe der Zelte gefunden.“
„Zyankali bei einem Zwanzigjährigen? Wen hat er denn verärgert?“
„Das wissen wir nicht. Thomas hat erste Befragungen durchgeführt. Die Protokolle findest du weiter hinten. Hier…“
Sie tritt an ihn heran und blättert durch die Akte, während er das Seitenprofil ihres Gesichts betrachtet. Sie ist immer noch wunderschön und jugendlich, trotz ihrer neuerdings 40 Jahre.
„Feierst du eigentlich noch?“
„Was?“
„Deinen Geburtstag.“
„Du hast daran gedacht?“
Errötend streicht sich Harriet eine Strähne hinters Ohr und senkt kurz den Blick, ehe sie ihren ganzen Mut zusammen zu nehmen scheint.
„Am Samstag mit ein paar Freunden. Möchtest du auch kommen?“
„Gern.“
Peinliches Schweigen macht sich breit, ehe Archibald sich räuspert und Harriet aus ihrer scheinbar glückseligen Starre erwacht und wieder einen Schritt zurück tritt.
„Ich bin dann in der Kantine. Bis später.“
„Bis später.“
Gedankenverloren macht sich Archibald zurück auf den Weg in sein Büro, wo er zunächst die Akte eingehend studiert, sich anschließend mit Thomas Kollegen kurzschließt, der inzwischen an einem anderen Fall unter einem anderen Kommissar sitzt und zu guter letzt ein paar Telefonate führt, um sich die drei Hauptverdächtigen für den nächsten Tag vorzuladen.

Der erste Termin am nächsten Morgen ist Marissa Cooper, die feste Freundin des verstorbenen Schülers. Sie taucht pünktlich um fünf vor acht auf, begleitet von Patrick Donovan..
„Sie wissen, dass Ihr Termin erst in einer Stunde stattfindet?“, brummt Archibald ihm müde und nicht sonderlich gut gelaunt entgegen.
„Ja, Sir. Ich habe nur Marissa begleitet. Kann ich hier auf sie warten?“
Archibald wendet sich ab, etwas unverständliches in seinen nicht vorhandenen Bart brummelnd und deutet Marissa Cooper mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Ohne Patrick auch nur anzusehen, folgt das zierliche Mädchen dem grimmigen Polizisten, während Patrick sich einfach auf eine Bank setzt um zu warten.
„Sie waren also die feste Freundin von Steven Williams?“, eröffnet Archibald nach den offiziellen Hinweisen auf die Tonaufnahme die Befragung. Die beiden sitzen sich im Verhörzimmer gegenüber. Ein Getränk hat Marissa abgelehnt und starrt nun unentwegt auf die Tischplatte vor sich. Die Hände hat sie im Schoß zusammen gelegt, den Kopf leicht gesenkt und als sie antwortet, muss sie zweimal ansetzen, weil ihre Stimme zunächst viel zu brüchig ist.
„Ja.“
Sie klingt leise und fast unbeteiligt, was den Ermittler die Stirn runzeln lässt. Das Mädchen vor ihm wirkt viel jünger als 19, sie ist blass und dünn, fast schon dürr und auch wenn sie sehr hübsch anzusehen ist, wirkt sie ein wenig kränklich.
„Mein Beileid.“
„Danke.“
Eine Strähne ihres gepflegten blonden Haars fällt ihr in die Stirn, sodass sie die Hand heben muss, um sie wieder hinters Ohr zu streichen. Die Bewegung ist ruhig und bedacht und löst doch ein leises Klimpern ihrer goldenen Armreifen aus, die den Rest ihres romantisch angehauchten Outfits bestens unterstreichen.
„Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?“
„Am Freitag. Die Jungs sind zum campen gefahren. Ich hab sie verabschiedet.“
„Wie war Ihre Beziehung zu Steven? Lief es gut?“
Nun hebt sie das erste Mal den Blick, um ihn aus hellgrünen Augen erstaunt zu mustern.
„Wieso wollen Sie das wissen?“
„Wieso wollen Sie es mir nicht verraten?“
„Weil meine Beziehung meine Privatangelegenheit ist.“
Obwohl sie sich gegen ihn auflehnt, klingen ihre Worte fast schüchtern und als Archibald sich langsam vorwärts lehnt, zuckt sie kurz zusammen, was ihn sofort inne halten lässt.
„Sind Sie geschlagen oder bedroht worden?“
„Nein!“
Nun tritt mehr Ausdruck in ihre Augen – ist es Trotz?
„Laut unseren Akten haben Ihre Mitschüler ausgesagt, das sie in der Beziehung nicht glücklich waren.“
„Woher wollen andere etwas über meine Beziehung wissen? Sie sind nur neidisch, weil Steven mich geliebt hat. Er war sehr beliebt an der Schule.“
„Es war von Affären die Rede. Er hat sie betrogen. Mehrmals.“
„Davon weiß ich nichts. Steven war immer gut zu mir.“
Lautlos stößt Archibald die Luft aus, ehe er sich wieder zurück lehnt.
„Wieso haben sich James Parker und Steven Williams kurz vor dem Ausflug gestritten?“
„Das weiß ich nicht.“
„Ihre Mitschüler haben ausgesagt das es um Sie ging, Marissa.“
„Ich weiß nichts davon. Meine Beziehung mit Steven war wundervoll. Ich war sehr glücklich.“
„Ihr Vater arbeitet als Apotheker und inzwischen wissen wir, das das Fläschchen mit dem Gift aus seiner Apotheke gestohlen wurde. Wissen sie etwas darüber?“
„Nein. Das höre ich zum ersten Mal.“
Während ihrer Aussage hat sie den Kopf wieder gesenkt, sieht den Ermittler nicht an und wirkt wieder genauso zerbrechlich wie vor ihrem kurzen Ausbruch von Trotz. Auch die folgenden Fragen beantwortet sie leise und ruhig, fast monoton.

„Hast du was aus dem Mädchen rausbekommen?“, hakt Harriet in der kleinen Büroküche nach. Archibald, in seiner Kaffetasse rührend, schüttelt resigniert den Kopf.
„Sie schwört Mark und Bein darauf, absolut glücklich gewesen zu sein. Allerdings wirkt sie so verschüchtert und verschreckt, das ich das stark bezweifle. Entweder redet sie sich selbst etwas ein, oder sie versucht das mit mir.“
„Vielleicht hast du bei dem Jungen jetzt mehr Glück.“
„Wollen wirs hoffen.“
Nach der letzten Umdrehung klopft er den Löffel am Rand seiner Kaffetasse ab und wirft ihn ins Spülbecken. Anschließend kehrt er ins Verhörzimmer zurück, in welchem nun Patrick Donovan auf ihn wartet.

„Sie waren laut meinen Unterlagen ein Freund von Steven Williams – und gemeinsam mit ihm auf dem Campingausflug.“
„Nicht ganz. Ich war sein bester Freund, nicht nur irgend ein Freund.“
Mit einer angehobenen Augenbraue mustert Archibald den neunmalklugen Schüler  vor sich, blättert in der Akte noch einmal zurück und sucht nach seinem Alter. Achtzehn. Na wunderbar.
„Sie haben die Leiche gemeinsam mit James Parker entdeckt, ist das richtig?“
„Ja.“
„Erzählen Sie mir, was genau passiert ist.“
„Wir waren zum campen draußen. James und Steven hatten einen ziemlich miesen Streit, also sind wir am Wochenende losgefahren, um das wieder hinzukriegen. Der Ausflug hat allerdings nicht viel gebracht. Am ersten Abend haben sie sich gleich wieder in die Haare bekommen und naja… am nächsten Morgen war Steven tot.“
„Sie denken also, James Parker hat den Mord begangen?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Hatte er Möglichkeiten an das Zyankali zu kommen?“
Das eintretende Schweigen lässt Archibald von seinem Kaffebecher aufsehen und sein Gegenüber genauer betrachten. Der Junge scheint bedrückt zu sein. Würden seine Augen nicht etwas ganz anderes ausstrahlen, hätte er ihm das vielleicht sogar abgekauft.
„Um ehrlich zu sein… ja. Er hat manchmal in der Apotheke gejobbt, die Marissas Vater gehört. Ich vermute er war es, der es dort gestohlen hat.“
„Woher wissen Sie das es dort gestohlen wurde?“
Die letzte Frage kam wie ein Schuss, doch während der Kommissar lauernd auf die Antwort wartet, zuckt Donovan nur mit den Schultern.
„Marissa ist auch hier, Steven wurde mit Zyankali ermordet und ihrem Vater gehört eine von zwei Apotheken hier in der Gegend. Da ist es naheliegend das die Flasche dort geklaut wurde.“
Er lügt, schießt es Archibald durch den Kopf. Genau wie Marissa Jones.
Die Überlegung einer Gemeinschaftstat drängt sich ihm auf, doch schiebt er diesen Gedanken zunächst noch beiseite, stellt auch Patrick wie vorhin Marissa ein paar abschließende Routinefragen und bittet auch ihn, noch hier zu bleiben.
Zeit, sich den Dritten im Bunde vorzuknöpfen und ein bisschen Licht in die Sache zu bringen.

Bevor es dazu kommt, klopft es jedoch an der Tür, gerade als er noch einmal die Angaben zu James Parker überfliegt.
„Ja?“
Patrick Donovan schiebt sich erneut in den Raum, eine Hand in der anderen knetend und bleibt in der Nähe der Tür stehen. Seine nervöse Geste passt nicht zu dem eher verschlagenen Blick in seinen Augen, doch lässt der Kommissar sich nichts davon anmerken.
„Mir ist da noch was eingefallen. Zu dem Streit.. und zu James…und Marissa.“

„Erzählen Sie mir von diesem Campingausflug.“
James Parker sitzt – sichtlich nervös – vor ihm am Tisch, dreht das Wasserglas in seinen Händen und starrt darauf, als wäre es unheimlich interessant.
„Es war so n ganz normaler Ausflug halt. Nur wir Jungs. Wir wollten mal ein bisschen raus. Wir sind in den Wald gefahren, haben alles aufgebaut und gegrillt. Irgendwann sind wir schlafen gegangen und am nächsten Morgen war Steven tot.“
„Mir wurde berichtet, das Sie und Steven einen heftigen Streit hatten.“
Der hübsche, eher Ruhe ausstrahlende Neunzehnjährige wird blass und hebt erschrocken den Blick.
„Ja… aber das passiert doch mal unter Freunden. Wir warn uns halt nich einig.“
„Worüber waren Sie sich denn uneinig?“
„Is das wichtig? Also für den Fall oder so?“
„Ja, das ist für den Fall wichtig.“
Bemüht darum, nicht mit den Augen zu rollen, starrt Archibald den Jungen vor sich unentwegt an, was diesem sichtlich unangenehm ist. Das Zeugen sich oft alles einzeln aus der Nase ziehen lassen müssen macht seine Arbeit nicht gerade einfacher.
„Es ging um so eine blöde Wette. Steven hatte verloren und wollte es nicht einsehen. Also haben wir uns gestritten. War eigentlich was blödes, ich weiß nicht mal mehr worum wir gewettet hatten.“
„Eine Wette… interessant. Verraten Sie mir, wieso sämtliche Mitschüler dem Irrglauben aufsitzen, das es in dem Streit um Marissa Jones ging? Mir wurde gesagt das Steven sie schlecht behandelt hat und Sie sich darüber ziemlich aufgeregt haben.“
Erneut wird James blass. Die breiten Schultern sacken nach unten und lassen ihn kleiner wirken als er eigentlich ist. Auch sein Blick wandert wieder zurück zum Wasserglas.
„Ja, er war nich so nett zu ihr. Aber ist ja sein Ding, sie war seine Freundin“, kommt es leise und schulterzuckend.
„Da habe ich etwas anderes gehört. Sie hatten eine Affäre mit Marissa.“
Wieder schießt James Blick nach oben und dieses Mal schüttelt er vehement den Kopf.
„Das stimmt nicht! Ich bin Stevens bester Freund! Das würde ich nie machen.“
„Patrick Donovan sagt, er sei Stevens bester Freund gewesen.“
Ein verächtliches Schnauben ist die Reaktion und nun setzt sich James aufrechter hin, scheinbar gestärkt von seiner Meinung über Patrick Donovan.
„Patrick ist gar nichts. Er rennt uns immer hinterher, weil er total auf Marissa abfährt und Steven vergöttert.“
„Patrick hat ausgesagt, das Sie und Marissa eine Affäre haben. Er hat gesehen wie Sie sich geküsst haben.“
„Das stimmt nicht.“
„Also lügt auch Marissa?“
„Was?!“
„Marissa Jones hat die Affäre mit ihnen gestanden.“
„Wieso hat sie das gemacht?“
„Also haben Sie eine Affäre mit Marissa Jones?“
„Ich…“
„Haben Sie oder haben Sie keine Affäre mit Marissa Jones?“
Archibalds Stimme ist eisig, als er dem Jungen verbal den letzten Tritt gibt, den dieser noch braucht, um endlich zu einer Antwort zu kommen.
„Ja“, gibt James leise zu und legt die Hände wieder um das Wasserglas, um es zu drehen.
„Ich bin schon seit sechs Jahren in sie verliebt, aber wir waren immer nur Freunde. Dann kam sie mit Steven zusammen. Aber in letzter Zeit war sie nich mehr so glücklich. Keine Ahnung.. irgendwie ist es dann passiert. Ich konnte nich mehr mit ansehen wie er so mies zu ihr is.“
„Also haben Sie in der Apotheke ihres Vaters das Zyankali gestohlen?“
„Nein… aber wir hatten Zoff. Also wegen Marissa.“
„Sie waren sehr wütend auf Steven.“
„Ja, aber auch auf mich. Weil ich ihn hintergangen hab. Sie wollte ihn nich verlassen, weil sie Angst vor ihm hatte. Also wollte ich am Wochenende mal mit ihm reden, aber am ersten Abend haben wir uns wieder gestritten. Er wollte mir nich mal zuhören.“
„Was ist passiert, James? Haben Sie ihm das Zyankali ins Essen gemischt?“
„Nein! Ich hab ihn nich umgebracht. Ja, ich hab scheiße gebaut weil ich mit Marissa geschlafen hab. Aber dann bring ich ihn doch nich auch noch um. Ich weiß schon warum sie fragen. Weil ich in der Apotheke arbeite. Aber ich bin nur vorne und reich die Rezepte nach hinten durch, kassiere das Geld und so. An den Schrank mit dem Gift darf ich gar nich ran. Hab auch keinen Schlüssel oder so.“
„Wissen Sie, wieso Marissa solche Angst davor hatte, ihn zu verlassen?“
„Nein.“

„Warum verhören Sie mich nochmal? Ich war doch schon dran.“
Marissas leise Stimme klingt verstört. Ihr Blick zuckt nervös durchs Zimmer und immer mal wieder zu dem Ermittler ihr gegenüber, der scheinbar seelenruhig durch die Akte vor sich blättert.
„Erzählen Sie mir von Ihrer Beziehung zu James Parker.“
Einen Moment hält sie verdutzt inne, dann zeichnet sich das pure schlechte Gewissen auf ihrem Gesicht ab.
„Wir sind Freunde“, kommt es kleinlaut.
„Da hab ich aber etwas anderes gehört. Sie haben mit ihm geschlafen.“
„Das stimmt nicht! Ich bin in Steven verliebt !“
„Vielleicht sind Sie das. Aber er hat sie mies behandelt und James war verliebt in Sie. Vielleicht hat er Sie getröstet. Ist für Sie dagewesen wenn Steven es nicht war.“
„Hören Sie auf.“
„Er sieht gut aus, oder? Sportlich, ungefähr Ihr Alter und hoffnungslos in Sie verliebt.“
„Ich will das nicht hören!“
„James Parker hat sich für Sie eingesetzt, aber Steven wollte ihm nicht zuhören. Er hat Sie weiterhin mies behandelt und betrogen, während James immer mehr zum Halt in Ihrem Leben wurde.“
„Nein!“
„Er hat es zugegeben, Marissa!“
„Das stimmt alles nicht!“
Unerwartet saust ihre Faust auf den Tisch als sie aufspringt und den Ermittler wütend anfunkelt. Ihr Atem geht schwer und flach und erst einen Moment später scheint sie sich darüber klar zu werden was gerade passiert ist.
„Oh Gott. Das tut mir leid.“
Gewohnt zurückhaltend sinkt sie wieder in den Stuhl und senkt den Blick.
Archibald beschließt, die Richtung zu wechseln, lehnt sich vor, sodass er die Unterarme auf dem Tisch abstützen kann und verschränkt die Hände miteinander.
„Marissa“, beginnt er sanft auf sie einzureden.
„Ich verurteile Sie nicht dafür, wenn Sie Ihrem Herzen gefolgt sind. Aber Sie müssen mir die Wahrheit sagen. Haben Sie eine Affäre mit James Parker?“
Es dauert einen Moment, doch schließlich antwortet sie, plötzlich sehr müde wirkend.
„Ja.“
Erste Tränen laufen ihr über die Wange und tropfen auf den Tisch, ehe sie die Hand hebt und sich über beide Wangen wischt.
„Wieso haben Sie Steven nicht verlassen und sind ganz offiziell mit James zusammen gekommen?“
„Das kann ich nicht sagen“, flüstert sie nun schon verzweifelt und wirft ihm einen flehenden Blick zu.
„Ihre Aussage wird zu Protokoll genommen, Marissa, aber falls Sie Angst vor einem der Jungs haben…“
„Nein, das ist es nicht“, unterbricht sie ihn und schnieft erneut. Dann scheint sie sich innerlich zu straffen und setzt sich gerade hin.
„Ich bin schwanger. Und ich weiß nicht wer von beiden der Vater ist. Wenn ich Steven verlassen hätte und James dann ihn statt mich gewählt hätte…“
Nun wird Archibald so einiges klar. Die Kleine steckt ziemlich in der Tinte – und Patrick Donovan hat die Wahrheit gesagt.
„Deswegen haben Sie Steven weiterhin ertragen. Weil Sie sich über James Gefühle nicht im Klaren waren.“
„Ja. Die beiden sind schon so lange Freunde. Er hat zwar gesagt, er kümmert sich um die Sache, aber…“
„Moment. James weiß von der Schwangerschaft?“
„Ja… ich musste es doch irgendwem erzählen. Er hat mir Mut zugesprochen und gesagt er kümmert sich um Steven.“
„Was meinte er mit ‚kümmern‘?“
„Das weiß ich nicht. Ich hab nicht nachgefragt..“
Langsam setzt sich in seinem Kopf alles zusammen. James ist verliebt in Marissa, beginnt eine Affäre mit ihr und erfährt das sie schwanger ist. Natürlich will er sie für sich, vermutlich auch das Baby, also muss er sich um den Kontrahenten kümmern, bevor er Marissa endgültig für sich haben kann.
„Danke, Marissa. Sie haben mir sehr geholfen.“
Damit ist das Gespräch für ihn beendet, doch Marissa rührt sich nicht vom Fleck. Stattdessen holt sie ein Taschentuch hervor, tupft sich die Augen ab und fängt schließlich an, das Taschentuch nervös zu kneten.
„Werden Sie meinen Vater anrufen?“
„Wegen der Schwangerschaft? Sie sind volljährig, ebenso wie beide potentiellen Väter. Es ist nicht meine Aufgabe, Ihren Vater darüber zu informieren.“
Die junge Frau scheint erleichtert zu sein, aber noch immer bewegt sie sich nicht vom Stuhl.
„Ist noch etwas?“
„Ja… woher.. wussten Sie das mit James? Hat er es Ihnen gesagt?“
Archibald macht eine letzte Notiz in der Akte, ehe er sie zuklappt und Marissa über den Tisch hinweg mustert.
„Patrick Donovan hat Sie beide gesehen. Aber ich dachte das wüssten Sie? Er hat erzählt das er bei Ihnen war um sie darauf anzusprechen. Sie hätten ihm sogar das mit der Schwangerschaft verraten.“
„Ja… Patrick wusste es auch. Nur Steven.. er wusste es nicht.“
„Weil Sie Angst vor ihm hatten.“
„Ja.“
„Was hätte er getan, Marissa?“
„Das weiß ich nicht.. aber Patrick weiß es und..ich hatte solche Angst das er es ihm sagt.“
Wieder beginnt sie zu schniefen und hebt das Taschentuch um sich die Nase zu putzen, während Archibald die Stirn runzelt. Das ungute Gefühl das sich bei den Gesprächen mit Patrick Donovan in ihm ausgebreitet hat meldet sich zurück. Irgendwas ist mit diesem Jungen.
„Wieso hätte er das tun sollen?“
Marissa druckst eine Weile herum, holt ein neues Taschentuch hervor und knetet es wieder zwischen den Händen.
„Weil ich ihn rausgeworfen habe“, gesteht sie schließlich leise.
Das widerspricht der Aussage von Donovan, der ihm erzählt hatte, sie wäre glücklich gewesen ihn in dieser Nacht zu haben. Doch ehe er nachfragen kann, scheint ein Damm zu brechen und Marissa beginnt von allein zu erzählen.
„Er kam zu mir, kurz nachdem James weg war. Er… er hat gesagt das er uns gesehen hat. Und das ich ihn ins Haus lassen soll. Also hab ich ihn rein gelassen.“
Ein unterdrücktes Schluchzen unterbricht ihre Erzählung und Archibald greift nach einem frischen Wasserglas, um ihr doch etwas einzugießen und ihr hinüber zu schieben. Das Glas nicht beachtend, fährt sie fort.
„Zuerst hat er mich beschimpft. Weil ich Steven betrogen habe. Er hat gesagt das Steven Eine viel bessere verdient hätte. Eine die ihn nie betrügt. Aber dann.. ist er plötzlich ganz anders geworfen. Ich hab geweint und.. und er hat mich getröstet. Und dann…“
Wieder unterbricht sie ihre Erzählung und greift nun doch nach dem Glas, um hastig ein paar Schlucke zu trinken. All das, ohne den Ermittler ihr gegenüber auch nur ein einziges Mal anzusehen.
„Er hat versucht mich zu küssen. Und… er hat gesagt wenn ich mit ihm schlafe, erzählt er Steven nichts. Aber ich hab ihn rausgeworfen. Später hab ich komische Geräusche im Haus gehört und bin zu einer Freundin gefahren. Meine Eltern waren nicht da. Ich hatte solche Angst“, wispert sie.
„Es ist in Ordnung Marissa. Sie sind hier in Sicherheit. Warten Sie bitte einen Moment.“
Archibald erhebt sich und öffnet die Tür zum Verhörzimmer.
„Max? Begleiten Sie die Zeugin bitte in mein Büro und bleiben Sie bei ihr. Und schicken Sie mir Patrick Donovan nochmal rein.“

„Geht es Marissa gut? Wieso wurde sie abgeführt?“
In Patricks Augen steht eindeutig Sorge geschrieben, als er den Ermittler aufmerksam und vor allem ungeduldig mustert.
Dieser hingegen ist die Ruhe selbst, blättert in der Fallakte und liest sich seine Notizen zu Marissas Aussage noch einmal durch, als müsste er etwas wichtiges nachlesen. Schließlich hebt er den Blick und mustert sein Gegenüber eine Weile.
„Was ist? Sagen Sie was. Was wollen Sie von ihr?“
Die Hände zu einem Dach gefaltet, sodass sich nur die Fingerspitzen berühren mustert Archibald ihn einen weiteren Moment schweigend, ehe er die Hände sinken lässt.
„Wie war Ihr Verhältnis zu Steven Williams?“
Patrick scheint verblüfft. Dann verärgert.
„Ist das Ihr Ernst? Das hatten wir doch alles schon.“
„Beantworten Sie die Frage.“
„Ich war sein bester Freund! Was ist mit Marissa?“
„Mir wurde zugetragen, dass Steven Sie nicht als seinen besten Freund angesehen hat. Eher waren Sie ihm und James Parker lästig. Ein Jüngerer, der ihn anhimmelte, mehr nicht.“
„WAS? Wer erzählt sowas?? James, oder? Dem brauchen Sie sowieso nichts zu glauben! Er hat Steven doch beschissen, der ist kein Freund.“
„Auch Freunde machen Fehler wenn sie sich verlieben.“
„Verliebt? Die sind nicht verliebt! James ist doch nur ein Spielzeug für Marissa! Genauso wie für Steven!“
Ein erstaunlich hartes Lachen erklingt, mit dem Patrick versucht, seine Aussage zu unterstreichen.
„Ich hab Ihnen doch von dieser Nacht erzählt. Marissa hat mir gestanden, das das mit James ein Fehler war. Sie wollte ihn los werden, aber sie hatte Angst. Das er alles Steven sagt.“
„Marissa hat gesagt, das sie Angst vor Ihnen hatte.“
„Sie lügen. Das würde sie nie sagen.“
„Wieso nicht?“
„Weil sie mich liebt.“
Archibalds hochgezogene Augenbraue bringt ihn offenbar dazu sich weiter zu rechtfertigen.
„Das hat sie mir gesagt. In dieser Nacht. Das sie eigentlich gar nicht James wollte. Sondern mich! Aber weil ich eben Stevens bester Freund bin, dachte sie ich mach das nie. Also hat sie eben James genommen. Aber das hat sie bereut.“
Aufmerksam mustert Archibald den Zeugen vor sich. Die Aussagen von ihm und Marissa, aber auch von James könnten unterschiedlicher nicht sein.
Patrick Donovan verbirgt irgendwas und er scheint sehr gereizt zu sein. Bleibt die Frage wie viel er aus ihm herausbekommt wenn er ihn zum ausflippen bringt.
Zeit, ihm ein bisschen Starthilfe zu geben.
„Marissa James hat ausgesagt, Sie hätten versucht sie zu erpressen. Sie sollte mit Ihnen schlafen, aber stattdessen hat sie sie raus geworfen. Macht das einen besten Freund aus, Patrick? Die Freundin seines besten Freundes zum Sex zwingen zu wollen?“
„Das ist eine Lüge!“
„Sie war sehr überzeugend. Sie hat nicht das geringste Interesse an Ihnen, Patrick. James scheint ihr sehr viel näher zu stehen.“
„Halten Sie die Klappe! Das ist nicht wahr! Marissa liebt MICH!“
„Sie ist in James verliebt. Und sie wird ein Baby bekommen das sie höchst wahrscheinlich mit James Parker aufziehen wird“, setzt er noch einen drauf, den Blick aufmerksam auf sein Gegenüber gerichtet.
„Nein! Diese verlogene Hure! James ist schleimiger Intrigant, nichts weiter! Der und Stevens bester Freund? Hah! Beschissen hat er ihn, von vorn bis hinten! Und hat Steven es gemerkt? Nein! Er war ja zu blöd dazu, zu verblendet! ICH war sein bester Freund, ich hätte alles für ihn getan!! Und er hat mich behandelt wie den letzten Dreck! Er hat alle so behandelt, auch Marissa! Alle außer seinem geliebten James! Steven hat bekommen was er verdient und James wird es auch noch! Und dann wird Marissa sehen was das für zwei Arschlöcher sind und wieder zur Vernunft kommen! Sie verdient was besseres – mich!“
Archibald ist ganz still geworden, während Patrick sich mehr und mehr in Rage gesprochen, zum Ende hin sogar gebrüllt hat. Als der Ermittler jetzt spricht, ist er die Ruhe selbst.
„Also haben Sie Steven Williams das Zyankali verabreicht?“
„Natürlich! Aber das kann mir keiner beweisen! Sehen Sie nicht wie genial das ist? Endlich herrscht GERECHTIGKEIT! Steven wird niemanden mehr quälen und James kriegt auch was er verdient!“
Die Tür öffnet sich, was Patrick Donovan erschrocken herum fahren lässt. Er sieht sich zwei Polizisten gegenüber, die er anstarrt als würde ihm erst jetzt bewusst was er gerade getan hat. Erneut fährt er herum, um dieses Mal Archibald zu mustern, der seinen Blick ruhig erwiedert.
„Erinnern Sie sich das ich Ihnen beim ersten Gespräch heute mitgeteilt habe das die Verhöre aufgezeichnet werden?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, wendet er sich an die Kollegen.
„Ihr könnt ihn abführen, ich hab was ich brauche.“
„NEIN! Sie haben mich reingelegt, Sie blödes Arschloch!“
Die Kollegen zerren den sich heftig sträubenden Donovan aus dem Raum, während Archibald der Akte letzte Notizen hinzufügt.

Als er fertig ist, schließt er die Akte, verschränkt die Hände im Nacken und starrt einen Moment an die Decke.
Achtzehn. Der Junge ist Achtzehn.
Er hat schon viele Fälle bearbeitet und vor allem grausamere Morde gesehen.
Aber noch nie einen Achtzehnjährigen der so zerschossen ist.
Mord, Falschaussage, versuchte Erpressung, Einbruch, Diebstahl – die Liste ist lang.
Wie auch immer das Urteil ausfallen wird – denn sein geistiger Zustand wird mit einbezogen werden müssen – Patrick Donovan hat für lange Zeit seinen letzten Sommer in Freiheit verbracht.

sig2

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