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Praxis-Test: Scrivener

Praxis-Test Scrivener (Bild pixabay)

Ein Mann, der recht zu wirken denkt,  muss auf das beste Werkzeug halten.
(Johann Wolfgang von Goethe)

Der Autorenliebling

Wer schreibt und sich unter anderen Autoren bewegt, kommt kaum drum herum, irgendwann von diesem Programm zu hören, zu lesen, oder es direkt empfohlen zu bekommen: Scrivener.
Lange Zeit stand es auf meiner „muss ich mal kaufen und mich einarbeiten“ Liste. Vor ein paar Wochen dann bekam ich über den Kollegen von Officeflucht mit, dass App-Sumo die Software Scrivener für knapp 20 Dollar im Angebot hat.

Natürlich habe ich direkt zugeschlagen – genau wie bei dem kostenlosen Scrivener-Kurs ungefähr eine Woche später, der sonst um die 127€ kostet. Shame on me, aber ich habe von diesem Kurs gerade mal das erste Video angesehen. Es ist ein englischsprachiger Videokurs, für den ich Zeit und Konzentration aufbringen muss, damit ich überhaupt mitbekomme, was mir dort erzählt und gezeigt wird. Beides ist bei mir in den letzten Wochen knapp gewesen (oh ja, im Hintergrund gehts ab – was dabei so heraus kommt, werdet ihr in den nächsten Wochen erfahren).

Trotzdem arbeite ich mit Scrivener inzwischen täglich und bin begeistert – auch wenn ich vermutlich nur 1% der möglichen Funktionen nutze. Für ein Scrivener-Tutorial möchte ich dich an Youtube verweisen. Dort gibt es bereits viele Tutorials, auf deutsch, auf englisch, für Windows und für Mac. Außerdem gibt es verschiedene Themengebiete, von den Basics über die Pinnwände bis hin zur Textüberarbeitung und viele weitere Anwendungsmöglichkeiten.

Wie gesagt bin ich bei Scrivener noch gar nicht weit genug gekommen, um ein geeignetes Tutorial erstellen zu können. Trotzdem bin ich so begeistert, dass ich dir die Software schnellstmöglich nahe legen wollte – denn je früher du ein für dich geeignetes Schreibprogramm findest, desto besser.

Am Anfang war Open Office

Früher – also ganz früher, zu Zeiten in denen ich gerade mal meine ersten Tippversuche machte – schrieb ich in Windows Word. Es war ein alter PC, der gerade mal die damaligen Windows Standardprogramme laufen hatte. Ich konnte darauf in Paint malen oder in Word schreiben, denn zu mehr war das Ding damals nicht zu gebrauchen und einen Internetzugang hatten wir schon gar nicht. Als ich anfing auf Computern zu schreiben, musste man das Internet (wenn man welches hatte) noch im Eilverfahren nutzen, um nicht am Monatsende komplett pleite zu sein. Das war kurz vor der Zeit, als die ersten Handys Internetfähig wurden. Erinnerst du dich noch an das panische „auf die Zurück-Taste hämmern“, wenn du versehentlich auf den Internetknopf deines Handys gekommen bist? Von diesem Jahrhundert spreche ich.

Auch auf den späteren PCs nutzte ich stets Word um zu schreiben. Das es andere Schreibprogramme gab, war mir nicht einmal bewusst. Auf meinem aktuellen Laptop hieß es dann auf einmal, dass ich zwar das Windows Programm gekauft habe, die Office-Software anscheinend aber kein Teil mehr davon war. Stattdessen sollte ich um die 300 Euro zusätzlich berappen. Um hin und wieder mal einen Text in Word zu tippen (damals war Schreiben noch ein „hin-und-wieder-Hobby“) und vielleicht einmal im Jahr aus Spaß an der Freude eine Excel-Tabelle zu erstellen.
Also tat ich das, was jeder treue Windows Office Fan tut: Ich suchte im Internet nach einer kostenlosen Alternative und lud mir Open Office runter. Seitdem schreibe ich in Open Office, ärgere mich darüber, wenn irgendwelche Tabellen eingebaut werden, nur weil ich eine Zahl benutze, oder die automatische Rechtschreibkorrektur irgendwelche Worte verschlimmbessert, obwohl ich sie genauso haben wollte, wie ich sie geschrieben habe.

Zwischendurch habe ich in ein anderes Programm gewechselt – mein Sachbuch „2 Jahre, für immer“ schrieb ich zum Beispiel komplett in Evernote und kopierte es dann lediglich nach Open Office rüber, als es fertig war. Das war an sich schon mal eine ziemlich coole Sache, weil ich für das Buchprojekt einen eigenen Ordner und in diesem Ordner für jedes Kapitel eine eigene Datei anlegen konnte. Ich empfand es als sehr viel übersichtlicher und angenehmer, weil ich viel einfacher zwischen den einzelnen Kapiteln hin- und herspringen konnte. In Word bzw. Open Office Writer musst du ja jedesmal eine neue Datei öffnen, was wieder einen Moment dauert. Und wer hat schon Zeit?

Endlich ein „richtiges“ Schreibprogramm

Evernote war für mich sozusagen die Vorstufe zu einem „richtigen“ Schreibprogramm. Nur das es eher ein Notizprogramm und daher auch nur bedingt geeignet ist. Kaum wurden es mehrere Schreibprojekte, wurde es voll und unübersichtlich. Also auch nicht so das Wahre.

Irgendwann hörte ich von Scrivener und wie begeistert alle davon sind. Trotzdem kam ich eine ganze Weile nicht aus dem Knick. Schließlich aber lud ich mir eine Demoversion herunter, die ich 30 Tage nutzen konnte. Ich legte eines meiner Projekte dort an und machte mich mit den Grundfunktionen vertraut. Nach nur ein paar Tagen war ich schon so begeistert, dass ich beim Angebot von App-Sumo direkt zugeschlagen habe.

Inzwischen tippe ich die neue Rohversion meines Werwolfromans ausschließlich in Scrivener und speichere den bereits geschrieben Text zusätzlich noch einmal in einem Open Office Writer Gesamtmanuskript ab. Auf diese Weise kann ich im Schreibprogramm entspannt mit den einzelnen Kapiteln und Notizen arbeiten und habe zusätzlich eine Übersicht über die Gesamtwortanzahl, die Normseiten und so weiter.

6 Gründe, wieso ich Scrivener gern nutze

  1. Es ist übersichtlich
  2. Ich kann einfach und schnell von einem Kapitel zum anderen springen
  3. Neben den Kapiteln kann ich gesondert auch Notizdateien anlegen
  4. Der Marker
  5. Die Zurück-Taste
  6. Die „Arbeits-Atmosphäre“

1. Es ist übersichtlich
Wie schon oben erwähnt, kann ich im Teil „Manuskript“ (roter Kasten) einzelne Kapitel anlegen. Diese werden direkt untereinander gelistet. Der Einfachheit halber habe ich sie einfach nummeriert.

2. Einfach und schnell von einem Kapitel zum anderen
Normalerweise muss ich eine weitere Datei öffnen, wenn ich zwei Kapitel oder mehr öffnen möchte. Dann habe ich im Zweifelsfall mehrere Dateien offen, aus denen ich immer aussuchen muss, welches Kapitel ich gerade brauche. Mit den Programmen Word oder Writer ist das jedes Mal in ein ziemliches Chaos ausgeartet. In Scrivener habe ich die einzelnen Kapitel in einem Projekt, schön untereinander gegliedert und kann mit einem einfachen Klick hin und her wechseln.

3. Notizdateien
Außer dem Manuskript-Teil gibt es auch noch den Abschnitt „Recherche“ (grüner Kasten). Ursprünglich ist er wohl für … naja… Recherche-Notizen gedacht, aber ich nutze ihn als Gedächtnisstütze und Notizzettel. In den beiden Dateien „Änderungen“ und „Notizen“ halte ich unter Angabe der Kapitelnummer fest, was ich später nochmal prüfen und ändern, oder klären muss. Auf diese Weise notiere ich aufkommende Fragen oder Fehler die mir auffallen nebenbei und muss den Schreibfluss nicht unterbrechen. Ich weiß, dass ich nicht vergesse was ich tun wollte, weil es aufgeschrieben ist und kann in Ruhe weiter tippen. Schließlich soll die Rohfassung so schnell wie möglich fertig werden, damit ich mich an die Überarbeitung machen kann.

4. Der Marker
Gibt es sicher auch in den „üblichen“ Schreibprogrammen, ist mir aber egal.
Hier ist es ein kleiner Textmarker (blauer Kasten), die Stellen sehen wie gemarkert aus und ich liebe ihn. 😀
Zum Beispiel nutze ich ihn, wenn ich in einer neuen Schreibsitzung an einem angefangenen Kapitel weiter schreibe. Damit ich später weiß, ab welcher Stelle ich den Text ins Gesamtmanuskript kopieren muss, markere ich die letzten Sätze des alten Textes und entferne die Markierung nach dem Kopieren wieder mit einem schnellen Klick.

5. Die Zurück-Taste
Ja ich weiß – die gibt es erst recht in jedem Schreibprogramm. Trotzdem bekommt sie hier ihre Super-Sonder-Special-Nennung, weil sie mir vor ein paar Tagen erst buchstäblich das Leben gerettet hat. Ich habe über 1.000 Worte getippt und dann durch einen Kopierfehler alles weggelöscht, was ich gerade eben in mühsamer Arbeit geschrieben hatte. Nach einer kurzen Schrecksekunde war alles wieder da – und die Autorin happy. Seitdem hat der Zurück-Pfeil seinen festen Platz neben meinem geliebten Marker.

6. Die „Arbeits-Atmosphäre“
Word hab ich schon immer benutzt. Für kurze Texte, Gedichte, Hausaufgaben. Auf Arbeit für Rechnungen, Protokolle und Briefe an Kunden. Für Kündigungsschreiben. Als Faxvorlage. Word bzw. sein kostenloses Ebenbild ist praktisch die Bordsteinschwalbe unter den Schreibprogrammen. Für alles offen und für alles schon mal benutzt.
Scrivener hingegen ist das Roman-Prinzesschen, weil ich es bislang ausschließlich für den Roman oder – zum Testen – für die Vampir-Buchserie benutzt habe. Es ist also noch „unbescholten“ und wenn dieses Programm offen ist, gibt es keine Ablenkung. Weil ich nicht „irgendwo“ bin – sondern im Arbeitsprogramm für mein Leben als Autorin.
Wenn Scrivener offen ist, wirds seriös.

scrivener screenshot1

 

Fazit?

Ich weiß, dass jeder Autor anders arbeitet und jeder Autor sein bevorzugtes Programm hat. Solltest du aber zu denen gehören, die noch nicht das passende für sich gefunden haben oder mit ihrem aktuellen System nicht ganz zufrieden sind, kann ich dir Scrivener nur ans Herz legen. Probiere es 30 Tage lang kostenlos aus. Wenn es dir danach nicht gefällt, kannst du deine Daten immer noch extrahieren und weiter suchen. Mich hat das Programm jedenfalls überzeugt und ist inzwischen zu einem festen Tool in meinem Arbeitsalltag als Autorin geworden.

Kennst du Scrivener schon, oder hast ein ganz anderes System? Arbeitest du mit Word, Writer oder vielleicht noch einem anderen Schreibprogramm? Lass uns an deinen Erfahrungen teilhaben. Ich freue mich über jeden Kommentar! 🙂

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