Die ‚keine Zeit‘-Lüge

Die ‚keine Zeit‘-Lüge

Eigentlich plane ich schon seit bestimmt vier Wochen, mir endlich mal meine ursprünglichen POY-Ziele zu schnappen und zu überarbeiten. 
Es sind nämlich (mit heute) nur noch 223 Tage übrig von meinem POY-Jahr und inzwischen ist so viel passiert, dass von meinen Anfangszielen nicht mehr viel da sein dürfte.
Also hätte ich mich schon längst mal dransetzen und die Liste überarbeiten müssen.
Eigentlich.
Uneigentlich habe ich dafür nämlich keine Zeit.
Der November ist für viele Autoren ein besonderer Monat, da jedes Jahr der NaNo stattfindet (hier habe ich schon darüber berichtet).
Durch meine doppelte Teilnahme habe ich mir auch die doppelte Arbeit aufgeladen und hinzu kommt die Überarbeitung meines Serienauftaktes Savage – Ruf der Instinkte, sowie dieses andere Zeug (manche nennen es „Leben“).
Genau so habe ich gerade meinen Update-Post in der Facebookgruppe zu dem Projekt POY gestartet.
Mitten im Schreiben hielt ich inne und dachte mir: ‚Keine Zeit‘? Wieso erzähle ich den Leuten so einen Blödsinn? So etwas wie ‚Keine Zeit‘ gibt es doch gar nicht!

Die ‚keine Zeit‘ – Lüge

Die ‚keine Zeit‘-Lüge ist eine Ausrede, die wir uns sehr gern selbst auftischen. Auch ich tue das hin und wieder, weil es schnell, bequem und gesellschaftlich akzeptiert ist. Wenn ich sage, ich hätte keine Zeit für etwas, akzeptieren die Leute das, weil sie sehen, wie viel ich immer um die Ohren habe.
Dabei existiert ‚keine Zeit‘ schlicht und ergreifend nicht.
Zeit ist immer da. Sie ist allgegenwärtig und uns werden jeden Tag volle 24 Stunden davon zur Verfügung gestellt. Das sind 1.440 Minuten pro Tag!
Die Zeit ist also ein Wert, der uns immer zur Verfügung steht. Sie ist nicht Teil des Problems.
Das, was uns Schwierigkeiten bereitet, sind unsere Prioritäten.
Denn wir selbst entscheiden, wie wir unsere 1.440 Minuten pro Tag ausfüllen.
Nur wir. Jeden Tag.

Aber ich habe einen Job und Verpflichtungen!

Ich weiß, dass es Leute gibt, die 20 Stunden die Woche arbeiten. Ich weiß auch, dass es Leute mit 40 oder mehr Stunden-Jobs gibt.
Und ich weiß, dass ich mich mit der nächsten Frage vermutlich unbeliebt mache:
Welches Kaliber hatte denn die Waffe, die dir an den Kopf gehalten wurde, damit du deinen jetzigen Job auswählst?
Klar, worauf ich hinaus will? Und ich kenne die Antworten darauf. Alle.
Nicht nur, weil ich sie schon oft gehört hab, sondern weil ich sie auch schon oft selber benutzt habe.
Die Wahrheit aber ist, niemand hat mich dazu gezwungen:
  • Damals Kauffrau für Speditions- und Logistikdienstleistungen zu lernen.
  • Von dort in die Firma und den Berufszweig zu wechseln, in dem ich aktuell arbeite.
  • Nicht nur eines, sondern jetzt auch ein zweites Fernstudium nebenbei zu machen.
  • Am NaNo teilzumehmen und mir die 100K als Ziel zu setzen
  • Das Projekt POY und das Projekt AuthorWing zu starten
  • Meine Bücher zu schreiben und den BartBroAuthors beizutreten
  • Mir große Ziele zu setzen und mich weiter zu entwickeln
  • Coach oder Speaker zu werden
  • Mein Geld auszugeben
  • Süßkram oder ähnliches zu essen
Ich, wie auch ihr, wir alle haben unsere Prioritäten im Leben und diese setzen wir um und das immer.
Selbst wenn ich auf der Couch liege und Serien schaue, anstatt etwas für meine Ziele zu tun, setze ich meine Prioritäten um.
Weil es in diesem Moment nicht meine Ziele sind, sondern das Rumgammeln, das wichtiger ist. Wäre es das nicht, würde ich es nicht tun.
Wenn wir also nie Zeit für eine Aufgabe oder Person finden, dann steht sie schlicht und ergreifend nicht auf unserer persönlichen Prioritätenliste.

Verantwortung = Macht

Wer also einen Job und so viele Verpflichtungen hat, dass er ‚keine Zeit‘ für andere Dinge findet, dann sind ihm diese anderen Dinge jetzt im Moment nicht wichtiger, als der Job (oder das damit einhergehende Gehalt/Anerkennung/Lebensstandard) und die vielen anderen Verpflichtungen.
Versteht mich bitte nicht falsch: Es geht hier nicht darum, euch die Schuld an irgendetwas zu geben. Es geht um etwas viel besseres.
Darum, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.

Ein Beispiel

Ich war in einem Job gefangen, den ich gehasst habe. Ich fühlte mich dumm, hässlich, fett, hilflos, uninteressant – die ganze Palette.
Schuld war der Job, weil mich die Arbeit und der Umgang innerhalb der Firma runter gezogen und klein gemacht haben.
Außerdem war mein Gehalt so niedrig, dass es manchmal nicht für das Essen ausreichte. Frisch kochen konnte ich schon gar nicht, denn ich hatte nicht genug Geld für gesunde Zutaten und außerdem war ich auch nicht motiviert genug, weil mich der Job wie gesagt so sehr runter zog.
Ich nahm also zu – und das nicht gerade wenig. Nun fühlte ich mich auch noch dick und unattraktiv. Ich zog mich weiter zurück, verfiel in eine Spielsucht, die mir auch noch den Schlaf raubte. Dadurch war ich im Job noch unkonzentrierter, wurde behandelt als wäre ich dumm und glaubte es im Umkehrschluss wieder.
Der Teufelskreis, in dem ich steckte, wurde immer größer – und Schuld daran war nur mein Job!
Hätte ich einen anderen Job, bei dem ich mehr Spaß und ein höheres Gehalt hätte, dann wäre alles besser!
Das Problem war nur, bevor ich diesen Job nicht hatte, konnte ich auch nichts unternehmen, um diesen Job zu bekommen. Denn so dumm, hässlich und schlecht angezogen, würde mich ja kein Betrieb einstellen.
Mir waren also die Hände gebunden und ich war zu einem schlechten Leben verdammt.
Zeit, um mich zum Beispiel weiterzubilden und an mir zu arbeiten hatte ich übrigens auch nie. Weil ich immer so lange arbeiten musste und dann ja meine Mitspieler aus dem Hobby auf mich warteten. Auch hier war ich also total machtlos.

Das Beispiel mag überspitzt klingen, aber exakt so habe ich damals gedacht. Alle anderen waren Schuld, ich konnte nichts dafür und aus diesem Grund hatte ich keine Zeit und kein Geld, um meine Lebenssituation zu verbessern. Wie auch? Ich musste ja ständig arbeiten.
Trotzdem habe ich heute einen anderen Job, mehr Zeit, mehr Projekte, mehr Lebensfreude, mehr Geld und weniger Gewicht.
Es gibt inzwischen sogar Menschen, die sich dafür interessieren, was ich so mache, wie ich es mache und die mit Fragen zu mir kommen und um Hilfe bitten.

Wie konnte das denn passieren?

Würde mein heutiges Ich meinem damaligen Ich erzählen, was heute in meinem Leben so abgeht, würde es mich auslachen.
Oder glauben, der Prinz auf dem weißen Pferd wäre gekommen und hätte mich mit Hilfe einer Fee in einen anderen Menschen verwandelt.
Was wirklich passiert ist: Ich habe mir eingestanden, dass nicht die Anderen oder die Umstände Schuld an meinem Leben sind. Sondern dass ich selbst die Verantwortung für mich, meine Taten, meine Aussagen und meine Entscheidungen trage.
Das tat weh.
Mir einzugestehen, dass mein Elend meiner eigenen Verantwortung unterliegt und ich mir selbst all das angetan habe, tat wirklich richtig richtig weh.
Kein Wunder also, dass ich mich so viele Jahre davor gedrückt hatte, mir diese Tatsache einzugestehen.
Aber neben dem Schmerz stellte ich noch etwas Anderes fest: Wenn es in meiner Verantwortung liegt, was ich für ein Mensch bin und was ich für ein Leben führe – dann liegt es ja auch in meiner Verantwortung, was für ein Mensch mit was für einem Leben ich in Zukunft bin!
Oder anders gesagt:
Wer die Verantwortung für sein Leben übernimmt, gibt sich selbst die Macht, die Dinge zu ändern!
Wer also nie Zeit für die Dinge hat, die ihm wichtig sind, sollte sich hinsetzen und alle seine Verantwortlichkeiten, Aufgaben, Ziele und Wünsche auflisten. Anhand dieser Liste können dann die persönlichen Prioritäten festgelegt werden.
Was zählt wirklich?
Ist es tatsächlich wichtig, die neueste Folge ‚Supermodel‘ oder ‚Der Bachlor‘ zu schauen?
Oder ist es nicht viel wichtiger, in dieser Zeit zu lernen/sich anhand eines Buches weiterzubilden/zu schreiben/zu netzwerken/sich an die Finanz-, Ziel-, oder Jahresplanung zu setzen/aktiv Zeit mit der Familie oder Freunden zu verbringen?
Übernehmt die Verantwortung. Dann habt ihr auch die Macht, etwas zu ändern. Und ganz plötzlich habt ihr wieder Zeit für die Dinge, die ihr tun wollt.

11 Comments

  1. Ben Wilder · 16. November 2016 Reply

    Hey Alice,

    es ist schon lustig, der Artikel hätte glatt von mir stammen können. Wir haben letztens hier auch über Prioritäten gesprochen, über Jobs und Zeit, denn auch uns hat es an Zeit gemangelt. Sie reichte einfach nicht, um alles zu schaffen. Jeder Mensch hat Prioritäten und hin und wieder sollte man sich fragen, ob man die Prioritäten richtig gesetzt hat. Ob man glücklich mit seinem Leben ist. Ob Priorität Nr. 1 auch die Priorität ist, die einem am Glücklichsten macht ist.

    Man muss nur vorsichtig sein, es gibt auch Menschen, die nicht so helle sind. Ich sag mal, die Pflegefälle, die nicht singen können, aber ganz viel Zeit aufwenden, um Deutschlands Superstar zu werden. Wenn sie ehrlich zu sich wären, wüssten sie, dass das nicht ihre Stärke ist und sie sich vielleicht an anderes, ein realistisch Ziel suchen sollten. Sollen sie halt hobbymäßig im Auto oder unter der Dusche singen und glücklich sein. Es wird – hoffentlich – irgendetwas anderes geben, was ihnen mehr liegt. Wo ihre wahre stärke liegt. Ihr Talent. Sollen sie da lieber mehr Zeit rein investieren. Prioritäten neu ordnen und loslegen.

    Aber du hast recht, mit deinem Artikel. Genau zur gleichen Erkenntnis bin ich, sind wir, auch gekommen.

    Vielleicht öffnet er ja dem einen oder anderen Leser die Augen und er kann sich viel Zeit sparen, es übernehmen, damit leben und die ersparte Zeit dafür nutzen, die Dinge zu machen, die ihn glücklich machen.

    Wieder etwas Zeit dazugewonnen!

    Liebe Grüße,
    Ben

    • Alice · 16. November 2016 Reply

      Hallo Ben,

      lieben Dank für deinen ausführlichen Kommentar! 🙂
      Da ergänzt du einen guten und wichtigen Punkt: Manchmal glauben wir tatsächlich nur, dass Etwas wichtiger ist und machen es deswegen zur Priorität. Dann aber meistens auf Kosten einer Sache, die unsere eigentliche, persönliche Priorität wäre, wenn wir nicht aus irgendeinem Grund glauben würden, das andere wäre wichtiger.

      Das sind in der Regel meist die ‚Ich habe keine Zeit dafür‘-Momente, die uns weh tun.
      Wenn es nicht weh tut und man eher erleichtert ist ‚keine Zeit zu haben‘, liegen die Prioritäten schon richtiger. Man spricht es nur nicht aus. 😀

      Liebe Grüße,
      Alice

  2. Kia Kahawa · 16. November 2016 Reply

    Hallo Ally,

    ich bin in diesem Artikel richtig aufgegangen. Denn ich hatte einerseits das Gefühl „Erzähl mir nichts, das kenne ich doch alles schon“ und andererseits das Gefühl, dass du ein bisschen wie mein eigenes Ich aus der Zukunft wärst.
    Das war ziemlich krass, denn irgendwas hat sich in mir bewegt.
    Auch, wenn das für mich nichts Neues war, hat deine Perspektive und deine Ausdrucksweise dazu geführt, dass ich tatsächlich die besagte Liste anfertigen werde, denn ich nutze zu viel Zeit für das, was mir keinen Spaß macht und zu wenig für das, was mir Freude bringt.

    Tausend Dank für den Artikel!
    Kia

    • Alice · 16. November 2016 Reply

      Hallo Kia,

      danke für deinen Kommentar! 🙂
      So wie dir geht es mir auch hin und wieder. Ich weiß etwas schon, wenn Jemand anderes es mir aber mit seinen Worten noch einmal erzählt, macht es plötzlich klick.
      Ich vermute, das liegt an zwei Dingen:

      1. Manches muss man auf eine ganz bestimmte Weise hören, damit es wirklich „ankommt“, auch wenn es einem inhaltlich auch vorher klar war.
      2. Anderes wiederum muss man einfach oft genug hören, es braucht also eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen, bis wir es innerlich annehmen.

      Ich freue mich, dass dir der Artikel weitergeholfen hat und wünsche dir viel Erfolg beim Ausmisten! 🙂

      Ally

  3. Stefan · 16. November 2016 Reply

    Im Großen und Ganzen hast Du völlig recht damit. Das Problem bei der ganzen Geschichte ist das Bewusstsein für sich selbst. Ist dies nicht vorhanden, was in unserer „gestressten“ Gesellschaft leider viel zu häufig vorkommt, sind es eben die Außenstehenden mit ihren ganzen Erwartungen, die dafür Sorgen, dass wir keine Zeit haben. Dann sind die Dinge, die wir wirklich wollen für uns unmöglich und wir kümmern uns um die Dinge, die wir tun müssen. Das Ding ist: wir haben IMMER die Wahl – die Frage ist nur, wie wir mit den Konsequenzen umgehen wollen.
    Nein sagen, kann man lernen (gibt eine Menge schöner Rollenspiele dazu) und auch der Umgang mit der Kritik, die auch leider viel zu häufig von außen kommt, ist erlernbar. Meiner Erfahrung nach trennt sich hier aber auch die Spreu vom Weizen, wie man so schön sagt. Denn die Menschen, die tatsächlich Freundschaft für euch empfinden, werden das akzeptieren, anstatt euch dafür zu kritisieren.
    Ich habe die Geschichte mit der Selbstverantwortung spät und auf eine sehr belastende und schmerzhafte Weise gelernt. Gelohnt hat es sich aber dennoch, denn mein Leben verläuft jetzt in völlig anderen Bahnen, mit denen ich wesentlich glücklicher bin. Mein „Freundeskreis“ hat sich übrigens zu Beginn dieser Phase um 50% reduziert, nach und nach kamen aber wieder mehr Freunde dazu … und ich meine wirkliche Freunde!

    • Alice · 16. November 2016 Reply

      Hallo Stefan,

      danke für deinen Kommentar! 🙂
      Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht wie du und auch bei mir war es eigentlich schon über die Schmerzgrenze hinaus, bis ich geschaltet und die Verantwortung übernommen habe.
      Das was du da schreibst, kann ich sehr gut nachvollziehen – vielen Dank für die Ergänzung! 🙂

  4. Andrew · 16. November 2016 Reply

    Hallo Alice.

    Das ist ein wirklich interessanter Ansatz. Leider kenne ich Deine Rahmenbedingungen nicht. Aber es gibt zahlreiche Ansätze zu dem Thema. Unterscheiden tun sie sich eben in den Rahmenbedingungen.

    „Gezwungen“ mit einer Pistole vor der Brust wurden wir alle sicherlich nicht, die Laufbahn einzuschlagen, die wir eingeschlagen haben. Dennoch sollte man etwas Nachsicht walten lassen. Denn die genauen Umstände lassen sich nicht immer nachvollziehen.

    Keine Zeit, ist auch eines meiner Lieblingssprüche. Aber ich verweise dabei auch immer auf meine Prioritäten. Denn das steht, wie Du schon festgestellt hast, im direkten Zusammenhang. Ich bin Verheiratet und Familienvater. Meine oberste Priorität liegt also eindeutig auf meiner Familie. Zum einen die Zeit, die ich mit ihr verbringen will und zum anderen auch das Geld zu erwirtschaften, um Lebensmittel, Miete, Strom, Urlaub, etc. zu bezahlen. Ein Grundgehalt ist also hier zwingend notwendig. Dieses Grundgehalt bekomme ich mit meinem Job alleine nicht hin. Daher arbeitet meine Frau ebenfalls und somit können wir unseren Grundbedarf und „Luxus“ (Urlaub, Ausflüge, etc) leisten. Ein neues Auto, Winterurlaub, Abends essen gehen gehören nicht dazu! Ich gehe also 40 Stunden in der Woche arbeiten. 6 Uhr aufstehen, morgens zusammen frühstücken, 17.30 Uhr Feierabend und abends zusammen essen. Dann habe ich etwa 1,5 Stunden, die ich noch mit unserem Kind verbringen kann. Anschließend kommt der Haushalt und schon ist es 20.30 Uhr. Von den 24 Stunden sind bis jetzt 14,5 weg. 6,5 Stunden Schlaf und wir haben 21 Stunden die verbucht sind. Die letzten 3 Stunden sind dann von 20.30 bis 23.30. Hier könnte ich nun alle verbleibende Energie, mein Nebengewerbe voranzutreiben. Ungeachtet der Branche stellt sich die Frage, wie das gehen soll. Natürlich kann man gelegentlich auch unter der Woche tagsüber das ein oder andere dazwischen schieben, aber schlussendlich würde das nicht ausreichen. Mal davon abgesehen, muss man auch mal abschalten. Und ganz nebenbei verbringe ich am Tag auch gerne mal ein bisschen Zeit mit meiner Frau. 3 Stunden am Abend sind also auch schnell weg.

    Als Beispiel nehme ich zur Verdeutlichung mal den Dienstleistungssektor: Dienstleistungen müssen tagsüber erbracht werden. Und zwar in der Zeit, in der man normalerweise seinen Hauptberuf ausübt. Für Alleinstehende mag das auch nach Feierabend möglich sein, aber hier haben Familienmenschen eben die Familie als Priorität.

    Ich schreibe das ganze hier, weil die Annahme, dass man als Berufstätiger 24 Stunden am Tag zur Verfügung hat einfach nicht stimmt. Arbeitszeit, Wege zur Arbeit und Schlaf rauben davon eine Menge. Hat man keine Verpflichtungen, kann man das ganz einfach umgehen. Keine Verantwortung außer sich selbst gegenüber zu haben hat da viele Vorteile. Den Hauptberuf auf Halbtags setzen, eine Einzimmerwohnung, kein Auto und schon kann man den Grundbedarf ganz gut sichern. Den Luxus erarbeitet man sich mit seinem Traumberuf nebenher.

    Natürlich kommt dann die Frage: Wieso hast Du Dir nicht von vornherein einen Job gesucht, der Dir Spaß macht und der dir gutes Geld bringt? Gute Frage. Fehleinschätzung, Geldnot, Trott, Teufelskreis, wer weiß das schon. Sich darüber Gedanken zu machen ist müßig und unwichtig. Denn wer in der Situation ist, ändert nichts daran sich darüber Gedanken zu machen. Der Schritt nach vorne zählt. Und den kann man eben nur machen, wenn man abgesichert ist. Oder wenn man keine Verantwortung hat.

    Keine Zeit! In der Tat, das gibt es wirklich. Einen Weg aus der Tretmühle, den gibt es sicherlich auch. Aber wo man Verantwortung trägt, werden Prioritäten eben anders gesetzt. Und das ist auch gut so. Solange die Prioritäten nicht Playstation, Fernsehen oder Party sind.

    Ich hoffe, ich konnte hier einen anderen Einblick in das Thema Zeit geben.

    LG

    • Alice · 16. November 2016 Reply

      Hallo Andrew,

      danke für deine Sichtweise!
      Ich habe deinen Kommentar mit Interesse gelesen und gebe dir in vielen Punkten recht. Auch dass man durch Fehleinschätzungen, Geldnot etc. vielleicht den „falschen“ oder einen schlecht bezahlten Job wählt, kann ich so unterschreiben, da das auch bei mir damals der Fall war. Ich war mit 19 mit der Schule fertig und wie du sicher weißt, heißt es dann: Und jetzt Studium oder Ausbildung – das ist ein MUSS.
      Dass ich da selbst entscheiden kann und es vielleicht noch ganz andere Möglichkeiten gibt, kam mir damals noch gar nicht in den Sinn. Deshalb nahm ich die Ausbildung die kam, da ich auch nicht wusste, was ich sonst tun sollte.

      Meine Frage wäre aber nicht „Warum hast du den Job damals gewählt“, denn da hast du völlig recht: Who cares, es ist Vergangenheit.
      Die Frage wäre eher „Warum hast du ihn noch?“.
      Wenn die Möglichkeiten für die Selbstständigkeit und den Traumjob nicht sofort da sind, kann man sie sich ja dennoch in kleinen Schritten erarbeiten.
      Ich hab zum Beispiel den Job und auch gleich die Branche gewechselt, von einer 45 Stunden Woche auf eine 40 Stunden Woche (bei mehr Gehalt und mehr Urlaubstagen als vorher). Ich arbeite jetzt in einer Branche, die ich nicht mal erlernt hab, sondern bin eine ungelernte Kraft.
      Anstatt einer Gehaltserhöhung bat ich meinen Chef in diesem Jahr, bei gleichem Gehalt weniger Stunden zu arbeiten -> jetzt habe ich eine 36 Stunden Woche. Für dich wäre das pro Tag etwas über eine Stunde mehr für deine Kinder, deine Frau, oder dein Nebengewerbe.

      Und auch als Berufstätiger hat man 24 Stunden – man verbringt nur eben in der Regel 8 davon im Büro und ca. 2 auf den Hin- und Rückwegen. Ich fahre Bahn und lese Bücher, um mich weiterzubilden oder nutze die Zeit, um in meinem Notizbuch für meine Selbstständigkeit zu brainstormen. Hätte ich ein Auto, würde ich ein Hörbuch hören (was ich auch in der Bahn manchmal mache).

      Du machst deine Familie und ihre Versorgung, die Zeit mit deinen Kindern und die Beziehung zu deiner Frau zu deiner Priorität und das bewundere ich wirklich sehr!
      Weil du dich dafür entschieden hast und das ist doch auch vollkommen in Ordnung. So wie du deine Zeit nutzt, ist das nicht falsch – du stellst deine Familie und deinen jetzigen Job (wg. dem Gehalt/der Versorgung) über das, was du eigentlich lieber machen würdest beruflich (wenn ich es richtig raus las aus deinem Kommentar?).

      Der Artikel soll ja nicht verurteilen, wofür wir uns im Einzelnen entscheiden. Sondern bewusst machen, dass wir es tun.
      Sagen wir, du beschließt, dass du deinen Traumjob haben willst und dafür z.b. einen Puffer benötigst. Dann kannst du mit diesem Entschluss im Kopf deine Zeit sinnvoller einteilen, als wenn du von vornherein glaubst, dass es sinnlos ist, weil du eh keine Zeit hast.

      Einige Beispiele:

      – auf dem Weg zur Arbeit über Hörbücher das Wissen erlernen, das du brauchen wirst
      – oder brainstormen wenn du Bahn fährst -> falls nicht, besteht die Möglichkeit, dass du Bahn fährst, damit du diese Zeit nutzen kannst?
      – von den drei Stunden am Abend kannst du eine Stunde für dein Business nutzen
      – du könntest deine Frau bitten, einen Abend in der Woche frei zu haben, um dich um dein Business zu kümmern (und dafür einen anderen Abend für sie zu übernehmen)
      – du könntest dich erkundigen, mit welchen ersten Geschäften du ein Nebeneinkommen machen kannst, aber nicht zu viel Zeit benötigst (hast du dir Amazon FBA schon einmal angesehen?)
      – deinen Chef bitten, statt einer Gehaltserhöhung bei gleichem Gehalt weniger Stunden zu arbeiten
      – nach einer anderen Stelle suchen, die bessere Bedingungen und mehr Gehalt bietet (vll auch eine andere Branche – was kannst du noch gut?)

      Du sagst zwar, das bisschen Zeit bringt nichts, aber das bisschen Zeit multipliziert sich auf Dauer doch. Vielleicht hast du ein Jahr lang nur einen oder zwei Kunden, weil du für mehr keine Zeit frei machen kannst oder möchtest. Aber wenn du deine Gewinne in diesem Jahr zur Seite legst und nicht anrührst, hast du schon mal einen Puffer, mit dem du dir vielleicht mehr freie Zeit erkaufen kannst (zb. indem du deine Stunden im Job weiter reduzierst).

      Ich gebe dir recht, dass es ohne Kinder einfacher ist, als mit Kindern. Denn sie brauchen Zeit und die sollten sie auch bekommen. Aber ich glaube nicht, dass es deshalb ganz unmöglich ist.
      Jedenfalls wünsche ich dir viel Erfolg und hoffe dass ich vielleicht doch den ein oder anderen hilfreichen Denkanstoß für dich hatte. 🙂

      Liebe Grüße, Alice

  5. Kate · 24. November 2016 Reply

    Hallöchen,
    dein Beitrag hat mich definitiv zum Nachdenken gebracht. Mir war gar nicht bewusst, wie selbstverständlich ich diese Ausrede verwende und dass es mir nicht einmal auffällt. Das war eine … erschreckende Erleuchtung. Daran möchte ich definitiv arbeiten!
    Deshalb vielen Dank für diesen Beitrag 🙂
    Ich würde ihn gerne in meinem kommenden Sonntagsgeplauder bei den entdeckten Beiträgen erwähnen, wenn das für dich in Ordnung ist.

    Liebste Grüße,
    Kate ♥

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