Der Schatz von Rotterdam

Der Schatz von Rotterdam (Bild pixabay)

Hallo ihr Lieben,

momentan befinde ich mich im (wohl verdienten) Urlaub, weswegen ich die Tage über weniger zum bloggen komme.
Damit ihr dennoch etwas zum Lesen habt, veröffentliche ich hier eine weitere meiner Kurzgeschichten, die als Hausaufgabe für mein Studium entstanden ist.

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und wie immer gilt – ich freue mich über Anmerkungen, Lob und Kritik in den Kommentaren.

Der Schatz von Rotterdam

Der Boden neben dem Bett knarrt leise, als er seine Füße darauf stellt.
Diese vermaledeiten Holzdielen sind alt, genau wie der Rest des kleinen Häuschens in dem sie leben. Ein Erbstück war es gewesen, für die letzten paar Jahre ihr sicheres Zuhause.
Nun stiehlt er sich wie ein Dieb mitten in der Nacht aus dem eigenen Bett.
Seine Frau murmelt etwas im Schlaf und erschrocken hält er auf der Bettkante inne, den Kopf über die Schulter zurück gewand, um zu sehen ob sie aufwacht.
Maria – seine große Liebe – dreht sich jedoch nur einmal herum, sodass sie nun mit dem Rücken zu ihm liegt und sinkt erneut in den Schlaf.
Dennoch bleibt er einen weiteren Moment auf dem Bett sitzen, lauschend ob auch im Rest des Hauses Ruhe herrscht.
Dann erst wagt er einen weiteren Versuch und verzieht leicht das Gesicht, als der Boden erneut knarrt. Dieses Mal jedoch erfolgt keine Reaktion aus dem gemeinsamen Ehebett und so bückt er sich vorsichtig, um seine Stiefel vom Boden aufzuheben.

Nach draußen schleichend nimmt er seinen Mantel, den er ebenso wie seine Schuhe stets mit ins Schlafzimmer nimmt und verlässt den Raum.
Erst als er die Tür hinter sich geschlossen hat, atmet er erleichtert auf. Noch immer leise, um auch die Kinder nicht zu wecken, stellt er die Schuhe wieder ab und schlüpft zunächst in seinen Mantel. Darunter trägt er lediglich seine Schlafkleidung, jedoch fällt dieses nicht allzusehr auf, nachdem er den langen Mantel geschlossen hat.
Außerdem erwartet er nicht, um diese Zeit einen Nachbarn auf der Straße anzutreffen. Dazu müsste der Nachbar zu dem selben Entschluss gekommen sein wie er selbst.
Kaum ist der Mantel geschlossen, nimmt er seine Schuhe wieder auf und macht sich daran, die alte Treppe hinunter zu schleichen. Dieses Mal verursacht er kein Geräusch, weiß er doch, dass es diese eine knarrende Stelle gibt, auf der vorletzten Stufe, gerade wenn man denkt das man die Treppe unbemerkt hinter sich gelassen hat.
Diese übersteigt er mit einem großen Schritt und bewegt sich ebenso leise durch den Flur in die Küche.
Wieder stellt er die Stiefel auf dem Boden ab, schlüpft dieses Mal hinein und angelt anschließend nach dem großen Krug ganz oben auf dem Küchenschrank.
Dieser Krug enthält einen alten Schuh, dessen Partner schon lange das zeitliche gesegnet hat. Im Inneren des Schuhs befindet sich ein Teil ihres Familienvermögens.
Maria würde ihn ausschimpfen, würde er all ihr Geld an ein und der selben Stelle aufbewahren und so ist es auf viele Stellen im Haus verteilt.
Heute Nacht reicht ihm dieser Teil jedoch aus, da er nicht weiß, ob sein Plan gelingen wird.

Den Schuh in seinem Mantel versteckt, stellt er den Krug zurück an seinen Platz und verlässt das Haus durch die Küchentür, die über die kleine Veranda in den Garten und von dort durch das vordere Gartentürchen führt.
Die Hände tief in den Taschen seines Mantels vergraben, die eine fest um den Schuh verkrampft, die andere zur Faust geballt, eilt er die Straße hinab und verschwindet in der ersten Seitengasse, die auf seinem Weg liegt.
Die Hauptstraßen meidet er und damit die Soldaten, die seit Tagen durch die Stadt schwärmen. Offiziell sichern sie Rotterdam ab, vor den Spaniern mit denen man wohl schon bald den Krieg beginnen wird, in Wahrheit jedoch würden sie ihm sein Geld wohl unter einem Vorwand abnehmen und ihn selbst vielleicht sogar hinter Gitter bringen.
In dem Gewirr der kleinen Gassen gelangt er jedoch unbemerkt in das Herzstück der Stadt, in die Nähe des Rathauses und hält an einer ganz bestimmten Stelle inne.

Hier in diesem kleinen Hinterhof, unter Wäscheleinen und bei dem kleinen Brunnen hat er schon als Kind gespielt.
Jetzt in der Nacht wirkt der Hof gespenstig. Die Wäsche leuchtet unheimlich im Mondlicht und der ferne Klang von Soldatenstiefeln auf dem Kopfsteinpflaster des Rathausplatzes dringt wie ein böses Ohmen an seine Ohren.
Mit den Blicken sucht er den Platz ab, ebenso die Fenster der ihn umgebenden Häuser.
Ganz in Gedanken hatte er den Weg hierher gefunden, doch nun an seinem Ziel überkommen ihn doch Zweifel.
Was ist wenn er gesehen wird? Wenn jemand den Schuh findet, noch ehe er Gelegenheit hat zurückzukehren?
Genau 447 Silbermünzen befinden sich in diesem Schuh, sorgsam abgezählt und nie angerührt. Es ist ein Teil ihrer Rücklage für schlechte Zeiten, Maria hatte darauf bestanden. Allein wegen der Kinder.
Er trägt also fast zwei komplette Monatsgehälter durch die Nacht und ist im Begriff, sie in diesem Hof zu verstecken.
Sie werden nämlich hierher zurück kehren wenn der Krieg vorbei ist. Gesund, munter und als die Familie als die sie die Stadt übermorgen verlassen werden.
Er glaubt fest daran, da er alles dafür tun wird, um seine Familie zu beschützen.

Dieser Gedanke gibt ihm neue Kraft, schwemmt seine Zweifel beiseite und lässt ihn den letzten Schritt aus der Gasse hinaus in den Hinterhof machen.
Sorgsam und leise schreitet er den Platz ab, umrundet den Brunnen und lässt dabei seine Hand über den Rand gleiten.
Der raue Stein fühlt sich kalt unter seinen Fingerspitzen an, immer wieder unterbrochen durch die dünnen Linien des Mörtels der die Steine verbindet und an ihrem Platz hält.
Nachdem er dreimal um den Brunnen geschritten ist, wandert sein Blick ein letztes Mal über die verschlossenen Fenster zum Hof hin, in die kleinen Gassen die von diesem Hof abgehen und schließlich hin zu der Ecke, die er sich als Versteck erdacht hat.
In seiner Hektik das Haus zu verlassen hat er nicht an eine Schaufel gedacht.
Also geht er nun mit seinen Händen als einzigem Werkzeug in der Ecke in die Knie. Entschlossen stößt er seine Finger in den platt getretenen Sandboden und hebt die erste Fuhre Sand heraus.
Neben dem entstehenden Loch stapelt er die ausgehobene Erde zu einem möglichst ordentlichen Haufen an, um so wenig verräterische Spuren wie möglich zu hinterlassen.
Minute um Minute schaufelt er mit seinen Händen die Erde hervor, bemüht sich zu beeilen ohne dabei zu viel Lärm zu veranstalten und schon bald rinnt ihm der Schweiß die Schläfe hinab.
Je tiefer er gräbt, desto mehr überkommt ihn die Angst das er erwischt werden könnte, sodass er sich zum Ende hin immer wieder panisch über die Schulter umsieht.
Endlich, als er festlegt das das Loch tief genug sei, sieht er sich ein letztes Mal um, zieht den Schuh aus der Tasche und lässt ihn in das Loch fallen.
Nur das leise Klimpern der Münzen verrät den kostbaren Inhalt dieses in die Jahre gekommenden Schuhwerks, das äußerlich kaum einen zweiten Blick wert sein dürfte.
Einen letzten Blick wirft er auf den Schuh, der so viele seiner Hoffnungen auf eine gute Zukunft mit sich in sein kaltes Grab nimmt, dann schiebt er mit beiden Händen hastig die Erde zurück in das Loch.
Immer schneller arbeitet er, mit flachem Atem und einem unangenehmen Gefühl im Rücken. 
Wird er beobachtet?
Jetzt bloß nicht entdeckt werden!

Hunderte Szenarien laufen vor seinem inneren Auge ab.
Wie er entdeckt wird, wie sie ihm sein Geld abnehmen und ihn vielleicht hinter Gitter bringen.
Seine Familie müsste ohne ihn fliehen, vielleicht würde er sie nie wieder sehen.
Nein.
Maria würde bleiben, vermutlich die Kinder wegschicken, zu der Tante die sie alle erwartet.
Beide wüssten sie erst wie es ihren Kindern geht, wenn ein Brief der Tante käme. Was aber wenn der Brief im Krieg verloren ginge?
Wenn sie nie heraus finden würden, was aus ihren Kindern geworden ist?
Wenn Maria etwas passiert, während er noch im Gefängnis sitzt, vergessen von den Soldaten, die dem Feind gegenübertreten müssen?

Die Angst schnürt ihm regelrecht die Kehle zu, sodass er immer schneller die Erde in das Loch schüttet, festklopft, wieder weiter schüttet und erneut festklopft.
Als das Loch zu ist, erhebt er sich, trampelt auf der Stelle herum, um sie so weit wie möglich wie zuvor aussehen zu lassen und flieht regelrecht aus dem Hinterhof.
Die leuchtende Wäsche erscheint ihm nun eher wie Gespenster, Gespenster die ihn durch ihr Geheule an den Klang der Soldatenstiefel verraten.
Kommen diese nicht auch näher?
Verfolgen sie ihn nicht, durch das Gewirr der Gassen?
Immer schneller flieht er in Panik durch die Straßen, stolpert, fängt sich und rennt weiter.
Er muss nach Hause, seine Frau erreichen, seine Kinder.
Niemand darf wissen das er draußen war, damit sie übermorgen gemeinsam von hier fliehen können, so wie er jetzt von der Straße flieht.

Da ist es, sein Haus und dieses Mal ist er nicht leise, vielmehr poltert er durch die Vordertür hinein, wirft diese hinter sich zu und lehnt sich schwer atmend und schwitzend dagegen.
Im Haus werden Geräusche laut, Maria ist erwacht, ebenso eines der Kinder und mit einem Lächeln schließt er erschöpft die Augen.
Er hat es geschafft.
Sie werden dem Krieg entfliehen und anschließend hierher zurück kehren.
Und sie werden nicht mittellos sein, ganz gleich was ihnen bis dahin passiert ist.

„He, warte mal! Ey! Manni, mach mal das Ding aus!“
Holger schnippt seine Zigarette weg und tritt sie mit dem Stiefel aus, ehe er in die Grube springt, die sein Kollege mit dem kleinen Bagger gerade aushebt.
„Was is denn?“
Manni hat die Maschine abgestellt und öffnet das kleine Klappfenster an der Seite, um seinen Kollegen anzusprechen. Als dieser nicht reagiert, öffnet er die ganze Tür und lässt sich von dem erhöhten Sitz auf die Straße sinken, um bis zum Rand der Grube zu gehen.
„Was is denn?“, wiederholt er seine Frage.

„Na hier, guck ma.“
Holger dreht sich um und pult etwas Sand von einem schwarzen Gegenstand, den Manni aus dieser Entfernung noch nicht recht erkennen kann.
Erst als der Kollege näher kommt, erkennt er einen alten Schuh.

„Ich hol mal den Brettstein.“
Manni setzt sich in Bewegung um den zuständigen Archäologen zu holen, der die Umgrabungen begleitet.
Es ist zwar nur ein alter Schuh, aber Archäologen sind ja immer ganz scharf auf so ein Zeug.
Holger klettert derweil aus der Grube heraus und folgt ihm langsam, dabei immer noch mit dem schwieligen Daumen über das vertrocknete Leder streichend, um ein paar Sandbrocken abzuschmirgeln.
Matthias Brettstein kommt ihm schon auf halben Wege entgegen, um den neuesten Fund in Augenschein zu nehmen und gerade als Holger ihm den Schuh überlässt, fällt ein ganzer Haufen Silbermünzen auf den sandigen Boden der Baustelle.

„Donnerlütchen“, meint Manni.

Ally

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