Ein Sommernachtstraum

Ein Sommernachtstraum (Bild: pixabay)

Heute gibt es eine Kurzgeschichte, die ich mal für einen Wettbewerb verfasst habe. Ich habe sie etwas überarbeitet, um sie hier neu einzustellen (mit der Genehmigung der Wettbewerbsleitung).

Das Thema war „Sommernachtstraum“, daher auch meine etwas unspektakuläre Überschrift.
Mein allererster Gedanke zu diesem Thema ging – natürlich – in Richtung Shakespeare, doch am Ende ist meine Geschichte etwas völlig anderes geworden.
Dazu möchte ich noch sagen, das ich ein absoluter Fan von Happy Ends bin (Generation Disney) – ob ihr das Ende dieser Story aber nun als Happy End oder als Katastophe wertet, bleibt jedem selbst überlassen.

Ein Sommernachtstraum

Es ist einer dieser heißen Tage im August.
Julia, 15 Jahre, steht auf einem Felsüberhang, der über einen klaren See hinaus ragt und weiß nicht, ob sie springen soll.
„Komm schon, Julia! Das Wasser ist ganz warm!“
Die Stimme ihres Freundes Timo schallt aufmunternd zu ihr hinauf, während sie nach wie vor zögert.
Der Weg nach unten beträgt ungefähr vier Meter, eine Distanz die sie zögern lässt. Timo ist bereits gesprungen und schwimmt nun auf der Stelle, ein ganzes Stück vom Felsüberhang entfernt, damit sie nicht auf ihm landet.
Der kühle rauhe Stein fühlt sich angenehm unter ihren Fußsohlen an, sehr viel angenehmer als das Nichts in das sie springen soll, vermutet sie.
Wieder ruft ihr Freund zu ihr hinauf.
„Hab keine Angst, ich bin da!“
Für einen Moment vergisst sie die Tiefe die vor ihr liegt und sucht seinen Blick.
Blaue Augen, fast so klar wie der See in dem er schwimmt.
Augen die sie kennt, denen sie vertraut. Augen, die sie liebt.
Sein aufmunterndes Lächeln entblößt seine weißen, geraden Zähne und die Lippen die sie so gern küsst, umrahmen das Ganze perfekt.
Auch wenn sie es aus dieser Distanz nicht genau erkennen kann, weiß sie dass der rechte Teil seiner Oberlippe von einer kleinen Narbe entstellt ist. Als Kind hat er in einem Wagen gesessen, der sich auf der Autobahn überschlagen hat.
Diese Narbe ist eine von vielen, die ihn auf ewig an diesen Tag erinnern werden.
Trotzdem findet sie seine Lippen perfekt. Sie findet ihn perfekt. Perfekt für sich.
Ein altbekannt kribbelndes Gefühl durchflutet sie und wie immer reagiert ihre eigene Mimik auf seine wie ein Spiegel. Sie lächelt zurück.
Einen Moment später springt sie.
Der Fall fühlt sich an wie eine kleine Ewigkeit.
Die Angst kribbelt in ihrem Bauch, doch bevor sie sich tatsächlich Gedanken darüber machen kann das sie gerade wirklich gesprungen ist, landet sie schon im kühlen Nass.
Der erste Moment unter Wasser ist irritierend.
Durch die Höhe aus der sie gesprungen ist, wird sie von der Wucht ihres Sturzes tief unter die Wasseroberfläche gedrückt. Panik steigt in ihr auf, da sie hier in der Schwerelosigkeit des Wassers vollständig die Orientierung verloren hat.
Da spürt sie den Griff fester Hände die sie in eine bestimmte Richtung ziehen.
Als ihr Kopf die Oberfläche durchstößt, saugt sie die warme Sommerluft gierig in ihre Lungen.
„Siehst du? War doch gar nicht so schlimm.“
Während sie noch damit beschäftigt ist an der Oberfläche zu bleiben, wischt ihr Timo bereits das Wasser aus dem Gesicht und streicht ihr die Haare zurück, damit sie die Augen öffnen kann.
Da ist er.
Der Junge, der ihr immer ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, der sie dazu bringt mutig und stark zu sein.
„Nur weil du da bist“, erwiedert sie mit einem verliebten Lächeln das ihn zum Lachen bringt.
Er lacht immer wenn sie so etwas sagt, doch das stört sie nicht.
Sie weiß, dass er sie nicht auslacht, sondern einfach seine Freude über das Gesagte ausdrückt.
Er liebt sie und sie liebt ihn – das ist alles was sie wissen muss.
Gemeinsam schwimmen sie zurück zum Ufer, um sich an den mitgebrachten Sandwiches gütlich zu tun und ein wenig die Sonne zu genießen.
Nach dem Essen verschränkt er auf dem Rücken liegend seine Finger mit ihren und beginnt ihr eine Geschichte zu erzählen.
Sie handelt von einem kleinen Mädchen, welches ganz allein in die Welt geschickt wird und ihr Leben triumphierend meistert. Davon, wie sie Gefahren überwindet und Freundschaften schließt. Wie sie sich verliebt und für immer an diesem Jungen festhält, ganz gleich was ihr im Leben auch passiert.
Lächelnd lauscht sie seinen Worten, erkennt sich selbst in der Geschichte wieder und schwört sich innerlich, ihn niemals wieder los zu lassen.

Julia lebt in einem Waisenhaus seit sie vier ist, er wohnt in der Nachbarschaft und da sie nie adoptiert wurde und weggezogen ist, kennen sie sich bereits ihr ganzes Leben lang.
In dem Sommer vor 2 Jahren, einem Sommer wie diesem, haben sie sich ineinander verliebt und sind seitdem noch unzertrennlicher als zuvor.
Nichts hat sie auseinander bringen können und nichts wird sie jemals auseinander bringen, dessen ist sie sich sicher.
Ihre Liebe ist gemacht für die Ewigkeit und mindestens genauso lange wird sie auch halten.

Der nächste Sprung den sie macht ist schon einfacher, wieder wartet er auf sie, wieder hilft er ihr sich zu orientieren, zieht sie an die Wasseroberfläche und wischt ihr das Wasser aus dem Gesicht.
So ist er immer – immer hilfsbereit, immer da wenn sie ihn braucht.
Am Ende des Tages springt sie sogar schon als Erste, ist ganz vernarrt in den Fall in die Tiefe der ihr am Vormittag noch so viel Angst gemacht hatte.
Auch mit der Orientierungslosigkeit kommt sie klar, bleibt einfach ganz ruhig und wartet ab, in welche Richtung der Auftrieb sie trägt, um dann mit kräftigen Zügen zurück an die Oberfläche zu schwimmen.
Als sie Abends an einem kleinen Lagerfeuer sitzen und es beinahe schon an der Zeit ist zurück ins Heim zu gehen, schmiegt sie sich noch einmal ganz bewusst an ihn, atmet seinen Duft tief ein, spürt die Wärme seines Körpers und rutscht mit ihrem Kopf so weit hinab, das ihr Ohr direkt über seinem Herzen liegt.
Bumm bumm. Bumm bumm. Bumm bumm.
Sein Herzschlag ist kräftig – einer der liebsten Klänge in ihrem Leben.
Bevor sie sich endgültig von ihm löst um zurück zu gehen, erklingt noch einmal seine Stimme: „Wenn ich anfange zu arbeiten, spare ich alles was ich übrig habe. Dann können wir beide Reisen, dann zeige ich dir alle Länder die du sehen willst.“

„Down! On your knees!“
Ein harter Schlag gegen ihren Hinterkopf lässt sie tanzende, bunte Punkte vor ihren Augen sehen und augenblicklich in die Knie brechen.
Die Geräuschkulisse um sie herum besteht aus einem einzigen Wimmern und Wehklagen, auf deutsch, englisch, franziösisch und noch einigen anderen Sprachen die sie nicht zuordnen kann.
Sie ist eine von 20 Touristen, die auf einem Tagesausflug gefangen genommen worden sind und sich nunmehr seit 144 Stunden in Geiselhaft befinden.
Sechs Tage.
In dieser Zeit hat sie bereits eine Palette an Gefühlen durchlebt: Panik, Angst, Hunger, Durst und Schmerzen.

Timo ist vor zwanzig Jahren an einer schweren Krankheit verstorben, kurz bevor sie ihre erste gemeinsame Reise antreten wollten.
Seitdem reist sie allein.
Jedes Jahr sieht sie sich eines der Länder an, von denen sie unten am See gesprochen hatten und jedes Jahr führt sie sein Foto mit sich.
Das Foto eines siebzehnjährigen, gesunden und verliebten Jungen.
Eines Jungen, der ihre große Liebe war und ist und der mit ihrer Hilfe fast die ganze Welt bereist, so wie er es sich immer gewünscht hat.
Für Julia hat es nie einen Anderen gegen – das was sie damals am See empfunden hat, hat sich bewahrheitet.
Ihre Liebe ist für die Ewigkeit gemacht und sie wird mindestens genauso lange halten.

Als sie jetzt vor den Kameras positioniert ist, auf den Knien, die Hände im Rücken gefesselt und die Augen verbunden, nimmt sie die fremdartigen Gerüche und die unterschiedlichen Stimmen der verängstigten oder wütenden Personen im Raum viel intensiver wahr.
Strenge Worte, in einer Sprache die sie nicht versteht – ein langer Monolog an Forderungen wie sie vermutet – übertönen jedes andere Geräusch im Raum. So etwas hat sie oft im Fernsehen gesehen, jedoch nie geglaubt, das ihr selbst so etwas passieren würde.
So wird es also für sie enden. Hier und auf diese Art und Weise.
Hinter ihr bewegt sich jemand und für einen Augenblick verändert sich das Jammern und Betteln im Raum.
Einige Stimmen werden lauter, eindringlicher, andere verstummen vor Angst.

Julia holt tief Luft und – lächelt.
Denn plötzlich ist sie wieder an diesem heißen Tag im August.
Es ist der warme Sommerwind den sie auf ihrer Haut spürt, nicht die drückende Schwüle in dem geschlossenen kleinen Raum.
Es ist der Duft der Sonne den sie riecht, nicht der Gestank der verschwitzen Leute um sie herum.
Und der einzige Laut den sie jetzt noch hört, ist ihr der Liebste.
Bumm bumm. Bumm bumm. Bumm bumm, bumm bumm, bumm bumm.
Der Herzschlag aus ihren Erinnerungen wird schneller, je mehr sich die Situation um sie herum zuspitzt.
Und dann – seine Stimme, ein Flüstern nur.
„Hab keine Angst, ich bin da..“
Ein metallisches Klicken hinter ihr reißt sie aus ihrer Erinnerung zurück ins Hier und Jetzt.
Langsam, fast bedächtig legt sie den Kopf halb in den Nacken.
Ihre Augen, ohnehin verbunden, hat sie geschlossen und auch wenn die Stimmen aus ihrer unmittelbaren Umgebung nun wieder an ihr Ohr dringen, lächelt sie noch immer.
Denn es ist sein Gesicht das sie hinter ihren verschlossenen Lidern sieht.
Es ist dieser Anblick der sie dazu bringt stark und mutig zu sein.
Einen Moment darauf fällt der Schuss und ihr sterbender Körper kippt nach vorn. 

Noch bevor sie ihn sehen kann weiß sie das er da ist. 
Ihr ganzer Körper scheint vor Wiedersehensfreude zu vibrieren, als er sie zu sich zieht, ihr die Haare aus dem Gesicht streicht und die Augenbinde abnimmt.
Da ist er.
Sein Gesicht, sein Lächeln und die kleine Narbe auf seiner Oberlippe.
„Siehst du? War doch gar nicht so schlimm.“

Nachwort

Auch wenn es kein klassisches Happy End ist, mag ich dieses Ende sehr gern.
Das Leben verläuft nicht immer nach Plan und das Leben ist schon gar nicht immer einfach. Es ist Julias Haltung zu den Dingen die mir gefällt. Ihre große Liebe wurde ihr genommen – trotzdem hält sie an ihren gemeinsamen Träumen fest, lebt ihr Leben so gut sie kann  und tut etwas, anstatt in Kummer zu versinken.
Sie ist nicht nur da – sie lebt.
Das ist eine Eigenschaft die sich viel mehr Menschen zum Vorbild nehmen sollten.
Manche mögen argumentieren das genau dieses Ausleben ihrer Träume sie letztlich ihr Leben gekostet hat.
Sicherlich stimmt das, denn wenn sie diese Reise nicht unternommen hätte, wäre es ihr möglich gewesen vielleicht 80, 90 oder sogar 100 Jahre alt zu werden.

Aber am Ende bleibt doch folgende Frage:

Ist ein langes Leben das mehr einem Dahinvegetieren gleicht wirklich erfüllter, wirklich lebenswerter als ein kurzes Leben voller Erfahrungen, kleiner Freuden, voller Träume und diesem kleinen sehnsüchtigen Ziehen im Herzen?

In diesem Sinne wünsche ich euch ein paar schöne Osterfeiertage.

Ally

3 thoughts on “Ein Sommernachtstraum

  1. Mir gefällt diese Fassung sehr gut, weil man hier mehr über Julias Hintergründe und ihr Innenleben erfährt. Anrührend!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.