AUTORIN

Unter die Haut

Mit wiegenden Hüften schlendert sie vor ihm den Gang des Hotelflurs entlang. Ihre Fingerspitzen gleiten wie nebensächlich über die Tapete, erzeugen einen leicht schabenden Ton, ein Knistern der alten Tapete, die unter ihren Fingern zu neuem Leben zu erwachen scheint.
Ihr braunes Haar wippt im Gleichtakt ihrer Schritte und wann immer sie ein Fenster passiert, brechen sich die Sonnenstrahlen darauf und lassen es schimmern und leuchten.
An der Tür zu ihrem Zimmer holt er sie ein und hebt zum ersten Mal die Hände, um sie zu berühren.
Ihre Haut ist weich und warm; selbst im Dämmerlicht des Flurs sieht er jedes einzelne Härchen und jedes davon stellt sich in einem Schauer auf als er mit den Fingern über ihren Unterarm streicht.
Der Duft ihres Körpers ist einmalig, angenehm sauber mit einer leicht fruchtigen Note, die von ihrem Parfüm herrührt. (Ally Stone)

Den obigen Text habe ich mir gerade „aus den Fingern gesaugt“, er gehört (noch) zu keiner Geschichte, zeigt aber trotzdem ganz gut, was ich unter „hautnahem Schreiben“ verstehe.
Es ist ein bisschen schwierig so eine Textstelle aus dem Ärmel zu schütteln, ohne in der Situation drin zu sein (weil es bis auf den obigen Ausschnitt keine „Situation“ gib), ich denke aber das trotzdem ungefähr rüber kommt was ich meine.

Hautnah?

Das erste mal bewusst kam ich mit hautnahem Schreiben in Kontakt, als ich das Buch „Flut“ von Wolfgang Hohlbein las.
Er beschrieb an einer Stelle einen Mann, der mit einer Frau aus dem Regen in das Innere eines Hauses flüchtet.
Sie sieht ihn an und dabei beschreibt der Autor ihn so gut, das ich ihn mehr als deutlich vor meinem inneren Auge sehen konnte. Diese Szene hat mich so fasziniert, das sie mich selbst heute, nach Jahren noch nicht los gelassen hat.

Den genauen Wortlaut kenne ich nicht mehr, aber ich habe immer noch dieses Bild vor Augen wie er da steht, klatschnass vom Regen, in einem weißen (nicht durchsichtigen) T-Shirt. Die Muskeln in seinen Armen bewegen sich bei jeder seiner Bewegungen mit, gleiten geschmeidig direkt unter der Haut entlang – und da endet die Szene in meinem Kopf.
Dieser kleine Teil ist mir im Gedächtnis geblieben, das Bild hat sich praktisch eingebrannt und lange fragte ich mich wieso das so ist.

Inzwischen weiß ich was mir daran gefallen hat: Das (Haut)nahe.

Ein Buch unterscheidet sich von einem Film darin, wie man die Bilder zum Leser/Zuschauer bringt.
Beim Film ist es „einfach“ – etwas wird gefilmt und der Zuschauer sieht Orte, Figuren, Mimik und Handlung vor sich.
Bei einem Buch muss der Autor die Bilder ohne den Umweg über den Sehnerv direkt in die Gedanken des Lesers projizieren.
Das ist nicht ganz einfach, denn die Fantasie des Lesers will geweckt, umworben und wach geschubst werden.
Vor allem will sie dann nicht durch fantasielose und unzureichende Beschreibungen enttäuscht werden – sonst legt sie sich wieder schlafen und täuscht beim nächsten Mal einfach Migräne vor.

Wie schreibt man denn „hautnah“?

Mit allen Sinnen.
Stell dir vor, du siehst wirklich einen Film an, lass deine Geschichte in deinem Kopf immer und immer wieder ablaufen, bis du den Film auswendig kennst.
Versuch dich in deinen Leser hinein zu versetzen. Bestenfalls steckt er beim Lesen mitten in der Geschichte drin.
Was sieht er? Was riecht und spürt er?
Den warmen Wind im Haar, den pladdernden Regen auf der Haut?
Riecht er den Duft von frisch geschnittenem Gras? Wie riecht es? Frisch oder eher modrig?
Was fühlt die Figur bei dem was sie sieht, riecht, schmeckt, fühlt, wahr nimmt?

Du musst deinem Leser mehr geben als nur ein paar Buchstaben auf weißem Papier.
Gib ihm eine Geschichte die buchstäblich unter die Haut geht, weil du so realistisch beschreibst was passiert, das es sich anfühlt als würden er oder sie selbst in die Rolle der Hauptperson schlüpfen.
Wenn du eine Kamera hättest, würdest du ranzoomen um Nähe zur Situation zu schaffen, im Roman musst du es allein mit Beschreibungen tun.

Was du lieber vermeiden solltest

Bei aller Liebe (und Notwendigkeit) zum Detail solltest du auch nicht zu sehr ins Detail gehen.
Sobald etwas zu ausschweifend wird und du dich in Beschreibungen regelrecht verlierst, verlierst du ganz schnell noch etwas anderes: Das Interesse deines Lesers.
Der Trick liegt darin, anschaulich und mit scharfem Blick fürs wesentliche zu beschreiben, aber nicht endlos über jede Ecke und Kante eines Wohnzimmerschranks zu lamentieren.

Vermeide außerdem zu blumige Umschreibungen. Das wirkt gekünstelt und gewollt und schreckt eher ab, als das es einen Leser in den Bann zieht.
Benutze lieber Wörter die weniger blumig-verklärt sind, die dafür aber jeder kennt und nachvollziehen kann.
Es geht nicht darum, die spannensten Wörter zu erfinden, sondern darum aus den bekannten Wörtern die spannensten Sätze zu bauen.

Fazit

Du solltest dich auf jeden Fall mit dem Thema „hautnah“ (auch bekannt als „mit allen Sinnen“) schreiben beschäftigen. Es bietet deinem Leser die Chance, sich noch intensiver auf deine Texte einzulassen, weil er die Personen und Situationen „näher ran holt“, als wenn du nur oberflächlich beschreibst was passiert.
Tauche in deinen Chara ein und beschreibe exakt was er wahr nimmt. Wenn er vor einer Frau steht deren Arme er berührt, wie in dem obigen Beispiel, hol die Szene für deinen Leser so nah ran, als würde er selbst vor dieser Frau stehen.

Jetzt zu dir: Wie sind deine Erfahrungen mit hautnahem texten? 

sig

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