Warum ich meine To Do Liste verbrannte

Natürlich habe ich sie nicht wirklich verbrannt. Zwar liebe ich es, Abends Kerzen zu entzünden, neige sonst aber nicht dazu, Dinge in Brand zu stecken. Entsorgt habe ich sie trotzdem. Und zwar nicht nur eine bestimmte To Do Liste (ich hatte hunderte), sondern DIE To Do Liste an sich. Ihr Prinzip.

Und glaub mir, ich bin davon wohl am meisten überrascht. Denn im Grunde genommen bin ich ein Mensch, der To Do Listen liebt. Und zwar abgöttisch. So wie andere morgens ihren Kaffee schlürfen, oder Nachmittags bei „Ich muss meine Karriere wieder anschieben, holt mich hier raus“ (oder so ähnlich) abschalten, schreibe ich wie besessen Listen.

Ich plane, ordne, strukturiere, streiche, passe an, verbessere, plane neu.
In regelmäßigen Abständen merke ich dann, dass ich nicht so recht vorankomme – oder es zumindest glaube.
Also muss ein neuer Plan her, eine neue Liste, ein besseres System.
Und wieder verbringe ich Stunden mit Papier und Farben, tüftele, bastele, werte aus und plane voraus.
Dieses tüfteln liegt mir einfach im Blut – ich habe schon bei den Sims immer eher die Häuser gebaut und die Storys geschaffen. Das wirkliche Ausspielen war mir dann zu langweilig. Stattdessen habe ich lieber Haus und Story vom Nachbarn ausgebaut.

Das Problem mit den Listen

Das Problem dabei ist, dass ich die Stunden, in denen ich die Aufgaben hätte erledigen können, lieber an den Systemen gebastelt habe, mit denen ich die Aufgaben bewältigen könnte. Und ja, das ist im Grunde genauso unsinnig, wie es sich anhört.

Ein weiteres Problem war der anhaltende Frust. Denn egal, wie viel ich in meine Liste genommen habe (und es war, trotz mehrerer gelesener Ratschläge in diese Richtung, niemals nur ein oder drei Punkte), es war nie alles zu schaffen. Also war ich einen großen Teil meines Abends und Morgens damit beschäftigt, nicht erledigte Aufgaben rauszustreichen und sie an einen anderen Tag zu packen und stattdessen erledigte Dinge einzutragen. Aber selbst wenn ich andere Sachen erledigt habe, hat es sich nie gut angefühlt, weil ich immer etwas wegstreichen und wann anders einplanen musste.

Egal wie sehr ich mich motiviert habe, habe ich mir gleichzeitig ein Umfeld des ständigen Versagens geschaffen.

Auf Dauer hat mich das gehemmt und ich verbrachte die Abende bei Süßkram und Serien faul auf der Couch, anstatt meine Liste anzugehen.

Aber ohne Liste herrscht Anarchie!

Mit dem Gedanken, meine To Do Liste wegzuwerfen, spiele ich schon eine Weile. Immer mal wieder habe ich Artikel darüber gelesen und am Ende dann doch immer nur mit dem Kopf geschüttelt. Denn wenn ich meine Liste wegwerfe, müssten ja zwangsläufig folgende Dinge passieren:

  1. Ich vergesse wichtige Termine und Aufgaben
  2. Ich mache dann gar nichts mehr
  3. Meine Wohnung wird in Dreck und Müll untergehen
  4. Niemand wird mich je finden, weil ich mit der Couch verschmolzen bin
  5. Alle meine Projekte werden sterben
  6. Alle meine Freunde hassen mich, weil ich immer alles vergesse
  7. Ich werde in Schulden ersticken
  8. Ich werde auf der Straße landen

Ich weiß nicht genau, wo die Befürchtungen sieben und acht herkommen, aber alle meine Horrorszenarien enden grundsätzlich damit, dass ich in Schulden ersticke und auf der Straße lande (Hobby-Psychologen, it’s your turn).

Soweit meine Befürchtungen. Und tatsächlich haben diese Befürchtungen, so unsinnig sie auch erscheinen mögen, mich lange davon abgehalten, es mal ohne Liste zu versuchen. Stattdessen habe ich nur umso akribischer geplant und einfach nach immer besseren Systemen gesucht, um alles im Blick zu behalten.

Die Erde ist eine Scheibe. Oder?

Was letzten Endes den Ausschlag gegeben hat, meine Angst über Bord zu werfen und das Experiment „Einen Teil meiner Weltanschauung verändern“ einzugehen, kann ich gar nicht sagen. Oft tue ich Dinge, über die ich lange nachdenke, letztendlich aus einem letzten Impuls heraus. Das kann ein Wort sein, das ich höre, ein Song, dessen Text mich zum nachdenken anregt, ein Gespräch, oder auch ein eigener Gedanke, der irgendwo aus den Untiefen meines Unterbewusstseins hervorschießt.

Tatsache ist, dass ich es getan habe. Ich habe ungefähr vorletzte Woche (und es ist irgendwie herrlich, nicht genau zu wissen, an welchem Tag) meine To Do Listen entsorgt und in meinem Bullet Journal mit TipEx herumgeschmiert, um die Wochentage frei zu kriegen.
Jetzt stehen dort nur noch Termine drin. Meetings zu meinen Projekten, Shoppen mit der Familie, Treffen mit Freunden, Sport (ja, das nehme ich als Termin wahr und es hilft!), das Machen der Steuer (auch das motiviert als fester Termin nochmal ganz anders) und ähnliches.

Was rausgeflogen ist, sind die Minilisten mit den täglichen To Dos. Ich habe meinen Haushaltsplan und meinen Socialmediaplan abgeschafft. Stattdessen habe ich eine Liste mit „Wochenzielen“ eingebaut. Ein paar grobe Punkte von nicht alltäglichen Dingen, die ich gern erledigen möchte. Außerdem gibt es einen „Blog schedule“ (den ich aber wieder abschaffe, da ich ihn nicht wirklich benötige).

Häh? Ist doch wieder ne Liste?

Genaugenommen sind meine „Wochenziele“ wieder eine Liste. Der Unterschied ist nur, dass ich mir diese Ziele notiere, um sie mir merken zu können. Weil sie nicht alltäglich sind und daher leicht in Vergessenheit geraten können. Sowas wie „kümmer dich um den Drucker“, „überarbeite Webseite xy“, oder „melde deine VG-Wortmarken an“.
Es sind Dinge, die ich irgendwann – und irgendwann ist hier das Zauberwort – innerhalb dieser Woche erledigen möchte. Das kann der Montag sein, verteilt über alle Tage, oder auch ein Wochenendsprint. Es ist meine spontane Entscheidung.

Vorher hatte ich exakte Tageslisten mit Aufgaben und teilweise sogar Auflistungen, was ich wann zu welcher Tageszeit in welcher Reihenfolge mache.

Das Problem dabei: Das Leben passiert.

Und es interessiert sich nicht dafür, wie viele Listen ich geschrieben habe, oder wie toll mein Zeit-Aufgaben-System ist.
Es gibt Tage, an denen habe ich massig Zeit, aber einfach keine Lust. Weil ich mich schlapp fühle. Oder lieber was anderes machen würde. Und dann gibt es Tage, da sprühe ich vor Tatendrang und rattere einen Haufen Aufgaben am Stück ab.

Ich bin ein Mensch. Ich habe gute und schlechte Tage. Effektive und ineffektive Tage. Erfolgreiche und erholsame Tage.

Das Leben ohne Liste

Diese ganzen theoretischen Annahmen und (Selbst)erkenntnisse sind zwar schon schön und gut, aber was ist denn in diesen (vermutlich) knapp zwei Wochen wirklich passiert, in denen ich auf meine tägliche To Do Liste verzichtet habe?

 

Meine Wohnung ist viel aufgeräumter und sauberer als vorher.
(Das hat mich tatsächlich am meisten überrascht, aber ja, plötzlich macht der Haushalt viel mehr Spaß.)

Ich habe letzten Mittwoch nicht gebloggt.
(Weil ich keine Lust hatte und ganz revolutionär mein neues, listenfreies Leben genossen habe. Man könnte auch sagen, ich habe mir die Hörner abgestoßen, aber wir wissen, dass das vermutlich nie passieren wird.)

Meine Terminplanung ist viel übersichtlicher und ich habe plötzlich Zeit für die Leute.
(Nicht unendlich viel Zeit, also nicht durchdrehen. Aber ich gehe mit weniger schlechtem Gewissen zu Treffen und Meetings, die mich ja eigentlich voranbringen. Vorher habe ich es als Zeitfresser empfunden. Verrückt.)

Ich habe gezeichnet!
(Seit Jahren sammele ich „lerne zeichnen!“-Bücher, Zeichenpuppen, Stifte, Zeichenblöcke und DVD’s. Ich träume schon ewig davon, zeichnen zu lernen, bin es aber nie angegangen. Letzte Woche kam ich dann heim und hatte auf einmal keine Liste, die mich müde gemacht hat. Ich stand in meiner Wohnung, es war aufgeräumt, kein Trainingstag und ich wusste tatsächlich nicht was ich tun sollte. Also setzte ich mich hin und schlug eines der Lehrbücher auf. Und ich liebe es.
Ein Ergebnis der ersten Lernstunde, kannst du hier sehen: Vase)

Ich schreibe plötzlich fast täglich.
(Ich musste jetzt eine Weile mit mir kämpfen, um herauszufinden, warum ich mich nicht so wirklich zum Schreiben aufraffen kann. Und klar gibt es immer noch mal einen vereinzelten Tag, an dem ich keine Lust habe. Aber ansonsten setze ich mich jeden Morgen an die Tastatur und haue zwischen 1.500 und 3.000 Wörter für das Finale meiner Trilogie in die Tasten.)

Ich fühle mich befreit, gut gelaunt und weniger unter Druck.
(Obwohl ich viel mehr schaffe als vorher, bin ich weniger geschlaucht und ich habe kein permanent schlechtes Gewissen mehr. Es fühlt sich wirklich so an, als wäre eine große Last von meinen Schultern gefallen.)

Ich führe eine „done-Liste“.
(Anstatt mir aufzuschreiben, was ich machen muss – und es dann wieder durchzustreichen – schreibe ich mir die Dinge auf, die ich an dem Tag erledigt habe. So herum ist es total aufbauend und macht mich Stolz, anstatt mein schlechtes Gewissen anzuheizen. Und wenn ich mal nichts aufschreiben kann? Ist bisher noch nicht vorgekommen, weil ich – frei in meinen Entscheidungen – sehr viel produktiver bin. Und wenn es doch mal passiert: Jeder verdient hin und wieder einen freien Tag. 😉 )

Meine Tüftel-Energie für die Listen fließt in meine Projekte.
(Ich muss wieder öfter Notizen zu Buchideen und Szenen machen und auch das Schreiben von Bruderkrieg läuft viel besser, weil meine kreative Energie nun wieder in die Bahnen fließt, in denen ich sie brauche. Außerdem ist vielleicht ein ganz klein wenig der Drang angestiegen, wieder Sims zu spielen.)

Ich hänge weniger auf Facebook rum – dafür aber effektiver.
(Dieser Effekt ist vermutlich damit gekoppelt, dass ich die Apps vom Handy geworfen habe, aber seitdem ich die Listen wegwarf, ist der Drang, den ganzen Tag sinnlos auf FB zu surfen nochmal stark gesunken. Es fällt mir jetzt viel leichter, FB auch mal auszuschalten und meine Aufgaben zu erledigen. Schließlich gibt es keine Liste mehr, vor der ich mich flüchten muss. Stattdessen gehe ich bewusst rein, beantworte gezielt Anfragen, unterstütze Kollegen, führe ein paar Gespräche und gehe dann wieder offline.)

Moment mal, da waren doch ein Haufen Befürchtungen!
Was ist davon denn nicht passiert?

Ich habe keine wichtigen Termine oder Aufgaben vergessen.
(Termine und wichtige Aufgaben – wie Steuer und Training, was ich ja auch als Termine eintrage und Zeit dafür freihalte – habe ich keinen einzigen vergessen. Im Gegenteil, ich kümmere mich jetzt viel zuverlässiger darum, Termine zu finden und einzutragen. Auch mein BulletJournal ist sehr viel übersichtlicher geworden und ich kann leicht herausfinden, ob ich an einem Tag Zeit habe, oder nicht.)

Ich mache nicht nichts mehr.
(Siehe oben – inzwischen bin ich teilweise sogar so effektiv, dass ich abends behaupten kann, „Langeweile“ zu haben. Zumindest bis ich mir eine Beschäftigung gesucht habe. Bei der Listenflucht wäre das nicht passiert – ich hätte einfach lange gesurft oder endlos Filme angesehen, die ich schon längst kenne.)

Meine Wohnung ist nicht in Dreck und Müll versunken.
(Ohne eine Vorgabe, welchen Teil des Haushalts ich wann machen muss, mache ich einfach jeden Tag das was anliegt. Ich sehe was mich stört, räume es weg oder putze und selbst das staubsaugen – ich hasse staubsaugen und abwaschen – geht viel leichter von der Hand.)

Ich bin nicht verloren gegangen.
(Im Gegenteil habe ich das Gefühl, sogar präsenter zu sein, mit mehr Menschen Kontakt zu haben, dabei aber viel weniger Energie zu verbrauchen als vorher.)

Meine Projekte sind nicht gestorben.
(Ich komme sogar besser voran.)

Meine Freunde hassen mich nicht, weil ich immer alles vergesse.
(Die Chance, dass sie mich wegen meiner großen Klappe hassen, ist viel größer.)

Ich bin nicht in Schulden erstickt.
(Freie Atmung für alle!)

Ich bin nicht auf der Straße gelandet.
(Zum Glück. Is kalt.)

Fazit

War ne gute Idee.

Wie handhabst du deine täglichen Aufgaben? Bist du ein Listen- und Planungsfanatiker, oder lässt du den Alltag eher auf dich zukommen?
Vielleicht befindest du dich ja auch im Raum zwischen den Schubladen?
Schreib mir in den Kommentaren! 🙂

6 thoughts on “Warum ich meine To Do Liste verbrannte

  1. Wieder einmal von dir inspiriert, habe ich die To Do Liste ebenfalls in den Müll geworfen und probiere es mit der Wochen Liste. Also grobe Übersicht was so ansteht + Termine. In nur zwei Tagen hat es sich ergeben, dass ich zum Beispiel das Zeitprogramm meiner Waschmaschine nutze und die Wäsche morgens einlade und nachmittags gleich aufhängen kann, wenn ich nach Hause komme. Oder die Sache mit den Ideen. Ich hatte schon ewig keine neue Buchidee mehr. Nicht dass da noch genug liegen würden, aber mein Kopf ist wieder freier und heute Morgen als der Wecker anging, schoss mir direkt eine Idee in den Kopf und ich habe sehr viele Notizen gemacht. Mal schaun wie sich die nächsten Wochen entwickeln, aber es fühlt sich tatsächlich viel besser an etwas tun zu können, als es zu müssen und da macht selbst der Abwasch nicht mehr so viel aus 😉
    Danke für die Inspiration <3

    1. Gern, freut mich, dass es für dich so gut funktioniert!
      Und das mit der Waschmaschine mach ich auch so! 😀 Dann ist es fertig, wenn ich heim komme und ich muss nur noch aufhängen. *g*

  2. Hallöchen,
    ich bin der totale Listen-Freak. Ich schreibe sie nicht nur gerne, ich nutze sie auch. Und vielleicht sind meine Befürchtungen genauso unbegründet wie sie bei dir waren, aber: Ohne meine To Do-Listen würde ich gar nichts auf die Reihe kriegen.

    Du hast Recht, das Leben kommt manchmal dazwischen. Vor allem in letzter Zeit passiert mir das häufig. Und die To Dos bleiben unerledigt, machen ein schlechtes Gewissen. Aber sie sind auch ein Anhaltspunkt, was ich noch erledigen muss. Ich sitze nicht da und denke mir: Was muss ich nochmal erledigen?

    Ich gehöre zu den Menschen, die ihren Kopf vergessen würde, wenn er nicht angewachsen wäre 😀
    Vielleicht wäre es bei mir wirklich wie bei dir. Aber ehrlich gesagt, bin ich nicht mutig genug, es ohne Listen zu versuchen. Und eigentlich funktioniert es so ja auch … zu 80% 😀

    Ich wünsche dir noch ein erfolgreiches listenfreies Leben 🙂
    Liebste Grüße
    Kate ♥

    1. Hallo Kate, danke für deinen Kommentar! 🙂

      Ob mit oder ohne Liste muss ohnehin jeder für sich selbst entscheiden. Ich hab ja auch ewig gebraucht, um den Versuch zu wagen. Und ob es auch langfristig funktioniert, zeigt sich ohnehin nur … langfristig 😀

      Ich wünsche dir auch viel Erfolg! <3
      Liebe Grüße, Alice

  3. Der Text könnte von mir stammen. Du schreibst mir aus der Seele. Ich bin auch ein unendlicher Planer und schaffe es nur selten an meinen zig Projekten zu arbeiten. Das war früher nicht so. Da hatte ich nur eins Projekt. Bin aber mittlerweile so ein Viel Interessierter geworden. Ich werde meine to do listen irgendwo hin speichern und die Woche und monatelang auch nur noch grob machen um Ziele zu haben. Es stimmt. Ich denke auch das die kreative Energie wieder in die Bahnen fließen wird wo sie hingehört.

    1. Hallo Michael,

      danke für deinen Kommentar! 🙂
      Ich wünsche dir viel Erfolg mit der neuen Strategie und würde mich freuen, wenn du uns auf dem Laufenden hältst, wie es die nächste Zeit bei dir läuft! 🙂

      Liebe Grüße, Alice

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